Am Fr., 3. Nov. 2023 um 11:49 Uhr schrieb Ingo Tessmann über PhilWeb <philweb@lists.philo.at>:
Und gemessen an den faszinierenden wissenschaftlichen Entwicklungstheorien erachte ich die unzähligen verbreiteten Schöpfungsmythen als unsägliches Geschwafel.

Ich muss zugeben, dass ich Evolutionstheorie + Big Bang auch sehr faszinierend finde. Vor allen Dingen, weil noch Fragen offen sind.
 
Zudem sind sie höchst gefährlich, wenn wir an die vielen Kreige denken, die aufgrund irriger Abstammungsmythen seit Jahrtausenden geführt werden. Ohne Mythen gäbe es weder Religionen noch Faschismen. Was für ein lebenswerter Ort könnte die mythenfreie Erde sein?

Auch wenn diese Aussage der Beobachtung eines sehr akuten Beispiels zu entsprechen scheint, so muss ich doch feststellen, dass es etwas zu kurz gegriffen ist.
Was ist etwa mit dem Kalten Krieg und dem in seinen Rahmen sich vollziehenden Stellvertreterkonflikten?
Es ist zwar richtig, dass sowohl Marxismus (dialektische Entwicklung der Materie) als auch Kapitalismus ("Wohlstandsevangelium") mythologische Elemente hatte, aber sie sind gewisse keine "Abstammungsmythen" gewesen.

Zudem es historisch einige Beispiele für bewaffnete Konflikte gegeben hat, die sich nur schwer auf "Mythen" zurückführen lassen, wie z. B.:
Die ersten 2 punischen Kriege; der peloponnesische Krieg und diverse Eroberungszüge wie z. B. die Hyksos, die Seevölker usw.

Mir scheint es naheliegend, grade beim Überfall von Eroberern aus eher kargen Gebieten auf fruchtbare Territorien eher materielle Ursachen für die Konflikte anzunehmen. Der Reichtum des antiken Ägyptens, auch wenn er uns heute als erbärmlichste Armut erscheinen müsste, dürfte für viele potenzielle Eroberer verlockend gewesen sein. Fraglich ist nur, was für Gruppen diese Eroberer damals eigentlich waren. Marodierende Söldner, die nicht bezahlt wurden oder deren ehemalige Auftraggeber im Kampf unterlagen und sie damit nicht mehr finanzieren konnten? Hirten, die neidisch auf die städtische Kultur der Ackerbauern waren? Jugendliche "Raufbolde", die ihr Glück auf diese Weise suchen mussten?

Das mit den Hirten und Ackerbauern, ich weise darauf hin, dieser Gegensatz soll durch die Bibel im Kain und Abel-Mythos überliefert worden sein.

Die Argumentation, dass aller Konflikt und alle Regression ausschließlich auf Aberglaube zurückzuführen seien, halte ich für zu kurz gegriffen.


Es ist aber natürlich richtig, dass im "mythologischen Denken" eine Gefahr liegt.
Es ist jedoch eine berechtigte Frage, ob die beste Methode zur Einhegung dieser Gefahr darin liegt, den Mythos abschaffen und gegen wissenschaftliches Denken ersetzen zu wollen. Mir macht es derzeit den Eindruck, dass dies nicht vollständig erfolgreich ist.