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Am 04.11.2025 um 09:09 schrieb Ingo Tessmann über PhilWeb <philweb@lists.philo.at>:



Moin Karl,

"Ich favorisiere zunächst die analytische Handlungstheorie, die unterdessen in der kulturalistischen Handlungstheorie aufgegangen ist.“ Damit hast Du mich zitiert, schreibst aber unverdrossen gegen „lupenreine Positivisten" an. Ich halte nichts von Metaphysik und Mystik, beschäftige mich dennoch mit ihnen. Wer analytische Philosophie und methodischen Kulturalismus für Positivismus hält, hat beide ignoriert und bleibt der Tradition verhaftet. Ich bewege mich entgegen Deiner Unterstellung auch im Spielraum der Metaphysik, indem ich bspw. Strukturen im Akutalunendlichen der axiomatischen Mathematik folge.     

Nun, in Bezug auf die naturwissenschaftliche Weltsicht sehe keinen gravierenden Dissens zwischen uns, grundsätzlich anders verhält es sich mit unser beiden Sicht auf Metaphysik. 

Du hältst nichts davon, obgleich Du Dich damit  - wie ebenso mit Mystik -  beschäftigst. Letztere ist einem sehr speziellen Erfahrungsbereich zuzuordnen, der sicher auch von fragwürdigen Denkmustern und Praktiken durchsetzt ist. 


Grundsätzlich jedoch hat Mystik sich aus dem Bedürfnis von Menschen entwickelt, gefühlsmäßig in Einklang mit einem geglaubten Gott zu kommen.

 „God is a feeling“ - diese Empfindung eines amerikanischen Philosophen hatte ich hier zitiert und Waldemar präzisierte diese mit der (angesichts seiner üblich hier postulierten Weltsicht) für mich überzeugenden Ergänzung:

 „Gott ist das Gefühl von Allgeborgenheit“. 


Es ist diese tiefe, genuine Religiosität in ihrer etymologischen Wortbedeutung „Religio“ - symbolisch abgeleitet von Religare - als Rückbindung des Menschen an Gott verstanden. Unbenommen sprachwissenschaftlicher Differenzen bezüglich dieses Begriffs (Religamen als das eigentlich Rückgebundene) geht es um die ursächliche Verbindung von Mensch und Gott.


Soweit zum religionswissenschaftlich, theologischen Terminus, der seinen Ursprung in der Mystik hat und im eigentlichen Sinn das Gefühl von Einheit mit Gott ausdrückt. Ebenso im gebräuchlichen Begriff von Glauben, dessen genuine Bedeutung dem griechischen „Pistis“ als dem Inbegriff von Treue und Vertrauen entlehnt ist:

Vertrauen als das Gefühl von Allgeborgenheit in Gott.


Vertrauen in Gott? Hier und heute, in Zeiten wiederum von Mord und Totschlag allerorten. 


„Gott ist tot! Und wir haben ihn getötet!“ 

In Nietzsches brutalem Diktum („Fröhliche Wissenschaft“ Aph. 125) tritt der „tolle Mensch“ als Protagonist auf und klagt die Menschen an: 


„Wie trösten wir uns, die Mörder aller Mörder? Das Heiligste und Mächtigste, was die Welt bisher besaß, es ist unter unseren Messern verblutet.“

Man muss kein Misanthrop sein, um die reale Radikalität des derzeitigen Alltagsgeschehens in Lichte dieses Diktums zu sehen. 


So also nochmal zurück zur Mystik in ihrer genuinen Bedeutung:

Mystische Erfahrung von Nähe oder sogar Einheit mit Gott, ein Gefühl von Allgeborgenheit würde - als solche in unverstellter, ehrlicherweise Weise in das Alltagsleben einfließend - die von Menschen begangenen Grausamkeiten in Krieg und allgegenwärtigen Verbrechen nicht geschehen lassen.

Und diesbezüglich möchte ich nochmal eine junge Muslima zitieren:

 „Im Namen Gottes geschieht ungeheueres Unheil, das in der Bewusstwerdung eines Gottes nie geschehen würde.“ 


Gottesvorstellung als Instanz kosmische Intelligenz? Für mich eine sehr zutreffende Vorstellung, resp. Überzeugung, unbenommen der grundsätzlichen Nichtwissbarkeit dieser angenommenen überempirischen, intelligiblen Entität; 


Diese notwendigerweise anthropomorphe Vorstellung ist und bleibt Katalysator fortwährender Reflexion, tief in das genuin mystische Weltgeschehen verwurzelt, abseits aller konkret fassbaren, zählbaren, berechenbaren Dinge: „Meta ta physika“ 


Ich habe keine Einwände gegen Positivismus, insoweit er als philosophischer Wissenschaftszweig - insbesondere als „Logischer Positivismus“ - die Philosophie hinsichtlich zeitgemäßer, vornehmlich objektiv-wissenschaftlicher und empirischer Faktizität ausrichtet. 


Als notwendiges Bindeglied zu philosophisch-ganzheitlicher Sicht auf  „Gott und Welt“ sehe ich die Metaphysik, die im wahrsten Wortsinne, die Dinge über dem empirisch zugänglichen Wissensbereich in Betracht zieht. 


Wer sich hingegen ausschließlich mit real sicht- und messbaren Fakten dieser Lebenswelt befassen will, ist dem sog. Positivismus verhaftet, beschränkt sich damit auf diesbezüglichen Wissenserwerb. 


Wer jene kritisiert, die über diesen Wissensbereich hinausdenken wollen und können, zeugt m.E. von intellektueller Ignoranz und diese Eigenart habe ich mit dem Begriff eines „lupenreinen Positivisten“ belegt. 


Teresa von Ávila behauptete: „Sólo Dios basta“, die Positivisten behaupten: Das Sicht-/Zählbare allein genügt. Ich sage: jeder nach seiner Faćon, nach seinem Vermögen.




Über Gott, kosmische Intelligenzen o.ä. wollten wir hier sowieso nicht mehr reden, ebenso jede Art von kosmischer Ordnung, resp. Feinabstimmung ignorieren und allenfalls einem evolutionär gerichtetem Zufall zuschreiben.

Hast Du Dich je mit Selbstkonsistenzverfahren beschäftigt? In ihnen schaffen Zufallsprozesse ihre eigenen Einschränkungen, die sie wahrscheinlicher machen. Warum wiederholst Du Deine Vorurteile und bemühst Dich nicht um terminologische Klärungen zum besseren Verständnis? Auch über Gott, wie ihn Gödel bewiesen hat, haben wir hier wiederholt geschrieben. Versuch Dich doch mal an einer axiomatischen Metaphysik oder Theologie.   

Aus Deiner Sicht sind’s Vorurteile (mit dieser Wertung bist Du hier immer schnell zur Hand). Gödels „Gottesbeweis“ hat für mich keine Relevanz, da ein Gott nicht zu beweisen ist (Dekalog). 
Zudem Bonhoeffer: „Den Gott, den es gibt, den gibt es nicht!“, Will heißen: Das gängige Gottesbild der Menschen ist falsch.

Gott allenfalls als ein Gefühl von Allgeborgenheit, als universales Faktum von Allgegenwart: JAHWE - ICH BIN, für mich allgegenwärtige kosmische Instanz; Kosmische Intelligenz, an der jedes Lebewesen partizipieren, resp. in kohärente Interaktion treten und in jeweilige Lebenspraxis einbringen kann, dieses je nach persönlichem Vermögen: Potentia ad actum.

Zurück zum individuell Konkreten: Meine Selbstkonsistenz betreffend, bin ich mit mir grundsätzlich im Einklang, mir meiner Existenz als geistiges Wesen bewusst, das insbesondere in Einklang, d.h. (wie o. angeführt) in Resonanz mit kosmischer Intelligenz kommen kann. Dem steht jedoch viel zu oft das Alltagsgeschehen im Wege, wohlwissend aber auch, dass Sinn und Zweck dieses Lebens schlichtweg das Erleben dieser irdischen und eben nicht sinnloses Spekulieren bezüglich überempirischer Sphären ist, gar dem Gedanken der „Pascal‘schen Wette“ zu folgen.

Dennoch der Blick in die Weiten des Universums, wie ihn moderne Astrophysik inzwischen zu vermitteln vermag, bestätigt die bereits in der Mystik der Hermetischen Gesetze aufgezeigten Prinzipien: 
Das Kleine ist im Großen, wie das Große im Kleinen zu erkennen. Bleibt nur noch die Frage nach dem persönlichen Vermögen hierzu: potentiell ja - in actu, zumeist nein.

KJ