Am 02.03.2026 um 11:11 schrieb Ingo Tessmann über PhilWeb <philweb@lists.philo.at>:

Am 01.03.2026 um 17:31 schrieb Arnold Schiller über PhilWeb <philweb@lists.philo.at>:

Das ist keine Spekulation ins Blaue. Es ist der Versuch, das, was die Quantenmechanik als "Messproblem" und "Kollaps der Wellenfunktion" nur technisch beschreibt, ontologisch ernst zu nehmen: dass Wirklichkeit nicht ist, sondern geschieht – in abgeschlossenen, dynamischen Einheiten, die du "Zeiträume" nennst.

Ob das "falsch" ist, lässt sich nicht sagen. Aber "unsinnig" ist es gewiss nicht. Es ist eine konsequente Antwort auf die Frage, was man denken muss, damit die Befunde der Quantenphysik nicht länger paradox erscheinen.

„Was man denken muss“ sind nicht "Messproblem" und "Kollaps der Wellenfunktion“ gemäß Kopenhagener Interpretation; denn es gibt weitere Interpretationen, die ohne beides auskommen, wie bspw. die Bohmsche Mechanik, in der die Wellenfunktion nicht als vollständig erachtet wird. 

Anlässlich des hundertjährigen Bestehens der Schrödingergleichung lohnt sich ein Rückblick darauf, wie Schrödinger seinerzeit auf seine Gleichung gekommen war, indem er nämlich konsequent Hamiltons optisch-mechanische Analogie zwischen Strahlenoptik und Teilchenmechanik durch die zwischen Wellenoptik und Wellenmechanik vervollständigte: 

https://www.youtube.com/watch?v=hXfzP86HNF0

Einen Kommentar, warum die de-Broglie-Bohmsche Mechanik im Gegensatz zur Bohr-Heisenbergschen Quantenmechanik nach wir vor kaum beachtet wird, gibt Svea Sauer in der Seminararbeit zur „Theorie der Teilchen und Felder“: 

https://www.uni-muenster.de/Physik.TP/archive/Seminare/teilchen/teilchen_ss06/Bohm.pdf

„Das Scheitern der Bohmschen Theorie ist wahrscheinlich auf mehrere Gründe zurückzuführen. Der wohl wichtigste Grund dabei ist, dass die Bohmsche Mechanik keine neuen Vorhersagen, sondern nur neue Interpretationsmöglichkeiten lieferte. Kritiker bemängeln zudem die, wie sie es nennen, künstliche Hervorhebung des Ortsraumes in der Bohmschen Mechanik. Anfang der fünfziger Jahre fand auch die in der Theorie beinhaltete Nichtlokalität wenig Anklang. Besonders Anhänger Einsteins hätten sich eine lokale Alternative zur orthodoxen Quantentheorie gewünscht. Unabhängig von den inhaltlichen Kritikpunkten lieferte auch Bohms Privatleben Gründe für den geringen Erfolg seiner Bohmschen Mechanik.So war Bohm in seiner Jugend Mitglied in einem kommunistischen Jugendclub. Diese Tatsache sollt ihm in seinem späteren Berufsleben zum Verhängnis werden. Zur Zeit des Kalten Kriegs geriet Bohm aufgrund seiner Vergangenheit ins Visier der amerikanischen Polizei. Als er sich weigerte gegen Kollegen seiner Arbeitsgruppe auszusagen, wurde er verhaftet. Seine spätere Verurteilung wurde zwar aufgehoben, jedoch erhielt er trotz großer Proteste nicht seinen Arbeitsplatz an der Universität Princeton zurück. Bohm wanderte anschließend nach Brasilien aus, wo er seine Bohmsche Mechanik schrieb und veröffentlichte. Bohms Reputation war daher zum Zeitpunkt der Veröffentlichung schon stark angeschlagen, was den Erfolg der de-Broglie-Theorie behindert haben könnte.“ 

Svea drückt sich akademisch zurückhaltend aus, aber natürlich spielte der Antikommunismus in der Ablehnung Bohms eine Rolle. Wir haben hier wiederholt darüber geschrieben. Physikalische Theorien sollten nicht nach ideologischen Vorurteilen beurteilt werden, sondern nach mathematischer Konsistenz und empirischer Reichhaltigkeit. Bohr folgte seiner Komplementaritätsphilosophie, Heisenberg ging bis auf Platon und Aristoteles zurück, während Bohm sich am Realitätsprinzip Einsteins orientierte: „Die Physik ist eine Bemühung, das Seiende als etwas begrifflich zu erfassen, was unabhängig vom Wahrgenommen-Werden gedacht wird. In diesem Sinne spricht man vom Physikalisch-Realen.“ 

https://www.mathematik.uni-muenchen.de/~bohmmech/theses/Schaal_Aaron_BA.pdf

Ich halte es für sinnvoll, zwischen lebensweltlicher Wirklichkeit und physikalischer Realität zu unterscheiden. Einsteins Realitätsprinzip gilt als lebensweltlich naiv und seit der Quantenmechanik Heisenbergs als überholt, gleichwohl sind ihm Schrödinger, Bohm und Bell darin gefolgt, aber die von Detlef Dürr konsistent mathematisch ausgearbeitete Bohmsche Mechanik als statistische Mechanik der Quantenmechanik wird neben dem Mainstream der Kopenhagener Deutung nach wir vor vernachlässigt — vor allem in den populären Darstellungen der Quantenphysik: woran mag das liegen?  

IT