Lieber Ingo M., Zitat: 

Historisch hat sich gezeigt, dass dort, wo Glaube epistemisch oder moralisch privilegiert und institutionell abgesichert wird, reale Machtwirkungen folgen: Sakralisierung von Herrschaft, religiös legitimierte Gewalt, Ausschlüsse und – bis in die Gegenwart – strukturelles Versagen im Umgang mit Verantwortung und Schuld. Diese Geschichte verstehe ich nicht als Argument gegen Glauben an sich, wohl aber als Mahnung, ihn nicht mit Wahrheits- oder Führungsansprüchen zu überfrachten.

Gerade deshalb ziehe ich für mich die Grenze dort, wo Glaube beginnt, sich als Wissen, Wahrheit oder normative Instanz auszugeben. Glaube ist für mich weder Wissen noch bloßes Nicht-Wissen, sondern eine Form von Orientierung, die dort entsteht, wo Wissen strukturell nicht ausreicht – ohne daraus einen allgemeinen Anspruch abzuleiten. Er ist nicht epistemisch privilegiert, aber auch nicht notwendig irrational.

Kurz gesagt:
Du ziehst eine harte Grenze entlang der Frage nach Sinn und Unsinn von Aussagen.
Ich ziehe eine Grenze entlang der Frage nach epistemischem Anspruch, institutioneller Autorität und ihren historischen Folgen.

Ich sehe darin keinen Widerspruch, sondern unterschiedliche Ebenen –


—> eine Form von Orientierung, die dort entsteht, wo Wissen strukturell nicht ausreicht

Lieber Ingo,

Orientierung braucht man in nicht sofort durchschaubaren Ensembles, und dieses nicht-sofort und nicht wenn, dann gleich in-Gänze durchschaubar zu sein trifft auf nahezu alles zu, was nicht über verallgemeinerbare Aspekte wie Messbarkeit, Zählbarkeit, glaubhafte Reproduzierbarkeit, z. B. als Abbildbarkeit zu erfassen ist. Dazu gehören wir selbst, unsere Lebensumstände, die „Welt an sich“ etc.. 

Ebenso jede genuine Singularität - genuin, indem sie nicht als Element einer das Einzelne übergreifenden Menge alias Kategorie aufgefasst werden kann.

Da für den Singularitätsaspekt die Vergleichbarkeit fehlt, kann er auch nicht an einem Standard auf Wahrheit geprüft werden. 

Um diesem Singularitätsaspekt wenigstens ansatzweise gerecht zu werden, muss er perspektivisch in den Blick genommen und dann nicht nur distanziert betrachtet, sondern versuchsweise ins Eigene aufgenommen, das heißt mitgelebt werden.

Dieses Mitleben übersteigt das zeichenhafte Wissen, es ist ein Erwerb von Mitlebenswissen, was in jeder Stimmigkeit anstrebenden Einvernahme von Fremdaspekten in das eigene Leben geleistet wird.

Diese Form der Wahrheit und des Wissens betrifft dann nicht lexikalisches Wissen, sondern Lebenswahrheit und Lebenswissen, die unter anderem mit den Begriffen Weisheit und Glauben belegt werden.

So viel als Wort zum Abend,

viele Grüße - und auch Danke für Deine interessanten Ausführungen zur Codifizierung des katholischen Glaubens. Der Streit ging dabei interessanterweise ja auch um den Begriff ousia, wesensmäßig - im "gezeugt, nicht geschaffen, eines Wesens mit dem Vater;" im großen oder Nizäno-Konstantinopolitanischen Glaubensbekenntnis enthalten.

Thomas




Am 24.01.2026 um 23:53 schrieb ingo_mack über PhilWeb <philweb@lists.philo.at>: