Am 20.01.2026 um 09:09 schrieb Ingo Tessmann über PhilWeb <philweb@lists.philo.at>:
[…]Metaphorisch kannst Du so weiter fabulieren. Warum reicht es Dir nicht aus, innenbezogen von Gewissheit anstatt von Wissen zu schreiben? Ich hatte ja schon hinsichtlich außenbezogener Wahrheit angeregt, innenbezogen von Wahrhaftigkeit zu schreiben.
Wie soll ich diese Frage verstehen? Es ging mir um Waldemars Aussage, alles vorgebliche wie auch das vermeintlich tiefere Wissen sei letztlich nur Scheinwissen. Er begründet das - wie für ihn typisch in konstruktivistischer Sichtweise - indem er interaktive Kommunikation auf den (Wissens-)Austausch von nachrichtentechnischen Signalen, die letztlich vom Empfänger mit subjektiv überhöhter Bedeutung aufgeladen werden, reduziert. Er ist immer noch nicht bereit, die Begriffe Signal, Nachricht und Information hinsichtlich ihrer genuinen Bedeutung und Wertigkeit einzuordnen. Seine Neigung, die Dinge der Welt auf die Ebene von „Hammelklrnchen“ herunterzubrechen, verstellt ihm den Blick für das jeweils Ganze, resp. der Emergenz des Lebens.
Ein Ganzes ist stets mehr als die Summe seiner Teile und das geradewegs wegen der von Waldemar diesbezüglich angeführten Eigenschaftensummen. Das Phänomen emergenter Systeme ist bislang naturwissenschaftlich nicht erklärt, ggf. auch grundsätzlich nicht erklärbar, lediglich in seiner sichtbaren Ausprägung beschreibbar.
Wir haben hier lange über Bewusstsein diskutiert, gleichwohl das individuelle wie auch das sog. kollektive Bewusstsein als intrinsische Wahrnehmung eines innenbezogenen Zustands oder von Ereignissen und Gegenständlichem in der äußeren Umgebung.
Bei Bewusstsein zu sein ist klinisch gesehen das entscheidende Kriterium für aktive Lebensfähigkeit, insoweit eine Person Gewissheit um ihr Dasein hat. Das Wissen um sich selbst ist Voraussetzung für die Gewissheit am Leben zu sein: Wissen wird hier zu Gewissheit. Wissen setzt selbstredend Denken, somit eine funktionierende Gehirnfunktion voraus, um sich selbst zu denken: Cogito ergo sum.
Dann nochmal zu Waldemars Aussage, alles irdische Wissen - auch das sog. tiefere Wissen - sei nur Scheinwissen, letztlich eben grandiose Konstruktion des Gehirns. Natürlich ist dieses Wissen neuronal konstruiert, es ist jedoch auf real sinnliche Perzeption bezogen und bietet bei hinreichender Erfahrung der entsprechenden Person ein realitätsgetreues Abbild der Wahrnehmung, modulo deren unausweichlichen Subjektivität.
Eigentlich frage ich mich, warum man das hier überhaupt nochmal diskutieren muss, wir haben diese Thematik zigmal durchgekaut. Vielleicht ist es dem Umstand dieses eingeschränkten Austauschs ausschließlich in Schriftform geschuldet, wodurch jeweils nur eine begrenzte Informationsdichte vermittelt werden kann, es fehlt das nonverbale Element der Parasprache, wodurch eine wechselseitig ganzheitliche Konversation wesentlich erleichtert wäre.
Ein Bild sagt mehr als tausend Worte. Metaphorik ist nach wie vor ein nahezu unentbehrliches Element, um interaktive Kohärenz eines Dialogs zu erreichen.
Nun, vielleicht schlagen wir uns künftig hier nur noch KI- generierte Beiträge um die Ohren. Dann könnte unser Wissen zur Gewissheit werden, dass wir nichts wissen, resp. uns hier nur mit Scheinwissen gegenseitig belabern. Unbenommen dieser flapsigen Bemerkung freue ich mich sehr über die letzten Beiträge hier im Forum. Wie stets fordern und fördern sie das (Nach-)Denken bis eben hin zu den Dingen hinter den Dingen. Den dinglichen Alltag habe ich in Jahrzehnten meines Lebens hinreichend kennengelernt - ewige Wiederkehr des Gleichen; Das Intelligible des Daseins hingegen ist mir nach wie vor zu großen Teilen verborgen.
KJ