Oh, oh eine naive Frage, mein Indeed bezog sich aufLieber Ingo T. lieber Arnold, eine naive Frage: die „Position“ z. B. eines Atoms wird ja an einer fixen Referenz gemessen - dasselbe gilt für den Wechsel der Position als Bewegung: er erfolgt in einem festen räumlichen Rahmen, nun hinzugenommen die Zeit.
Das Molekül im Grundzustand ist weder flach noch chiral. Es ist eine Überlagerung, eine "Potenz" im aristotelischen Sinne. Der Ort der Atome ist unbestimmt, aber nicht im Sinne von "verschmiert im Raum", sondern so, dass die Frage nach einem Ort noch gar nicht sinnvoll gestellt werden kann. Es hat noch keine raumzeitliche Bestimmtheit.
Die erste Messung zwingt es dann in eine konkrete Chiralität. Das Entscheidende ist: Das ist nicht einfach das "Finden" eines vorher schon irgendwo vorhandenen Zustands. Es ist ein Hervorbringen von Wirklichkeit aus dieser Potenz. Man könnte sagen: Die Messung öffnet ein erstes "Jetzt-Fenster", in dem das Molekül für eine Weile eine bestimmte raumzeitliche Gestalt annimmt.
Die zweite Messung findet 7 fs später statt – und das Molekül ist immer noch in derselben Chiralität. Das ist der Punkt, der zum Nachdenken zwingt: Es gibt eine Dauer, in der diese einmal hervorgebrachte Bestimmtheit stabil bleibt. Das ist nicht trivial. Es heißt: Das "Jetzt" hat eine Ausdehnung. Es ist nicht der punktförmige Schnitt zwischen Vergangenheit und Zukunft, sondern ein kleines Zeit-Raum-Quantum, in dem die einmal "entfaltete" Gestalt erhalten bleibt.
Was aber, wenn die künstliche Trennung in zwei Einheiten, den Raum, die Zeit zu Gunsten eines genuin einheitlich agierenden Zeitraums aufgehoben wird? Dieser Zeitraum müsste, da er ja von vornherein Zeit beinhaltet in sich dynamisch und in der Dynamik dennoch bleibend sein, etwa als Pulsieren in gleichbleibender Frequenz. Mir sind die Minkowski-Modelle etc. oberflächlich vertraut, aber meine Frage zielt vermutlich nicht in eine Richtung, die durch dieses Modell beantwortbar wäre - was sagen die Physiker und weiteren Denkakrobaten unter uns zu meiner naiven Frage? Und gleich noch eine daran anschließende Frage: welche „Geometrie“ hätte ein solcher Zeitraum? Dabei würde ich Zeit nicht als verräumlichte Dimension akzeptieren. Stattdessen müsste es eine beständig sich wiederholende Entfaltung in einen aaufgeschlossenen und sich dann wieder schließenden Zeitraum hinein sein - spekulativ, falsch, unsinnig?
Deine Frage zielt nun genau auf dieses Quantum: Du nennst es "Zeitraum". Eine Einheit, die nicht aus Raum plus Zeit zusammengesetzt ist, sondern beides zugleich ist – dynamisch (weil sie sich öffnet und schließt) und dennoch bleibend (weil sie in diesem Öffnen eine innere Konsistenz hat). Und dann fragst du nach der Geometrie eines solchen Zeitraums.
Die Antwort kann keine sein, die auf Koordinaten und Abstände zurückgreift, denn die setzen ja schon die Trennung von Raum und Zeit voraus. Die Geometrie des Zeitraums müsste eine topologische sein: Sie wäre die Regel, wie in diesem geöffneten Jetzt die Korrelationen zwischen den Atomen entstehen. Im Fall der Ameisensäure wäre das die Anti-Korrelation der Wasserstoffatome (Figur 2c). Sie ist nicht im Raum, sondern sie erzeugt für dieses Jetzt die Raumverhältnisse. Die "Form" des Zeitraums wäre also nicht die Form von etwas im Raum, sondern die Form des Hervorbringens von Räumlichkeit überhaupt – als ein einheitlicher, dynamischer Akt, der sich in jedem Puls wiederholt, aber immer als derselbe.
Das ist keine Spekulation ins Blaue. Es ist der Versuch, das, was die Quantenmechanik als "Messproblem" und "Kollaps der Wellenfunktion" nur technisch beschreibt, ontologisch ernst zu nehmen: dass Wirklichkeit nicht ist, sondern geschieht – in abgeschlossenen, dynamischen Einheiten, die du "Zeiträume" nennst.
Ob das "falsch" ist, lässt sich nicht sagen. Aber "unsinnig" ist es gewiss nicht. Es ist eine konsequente Antwort auf die Frage, was man denken muss, damit die Befunde der Quantenphysik nicht länger paradox erscheinen.
Danke jedenfalls für den Hinweis auf den interessanten Artikel, ich bin gespannt auf Eure Antwort, viele Grüße, ThomasAm 01.03.2026 um 07:27 schrieb Arnold Schiller über PhilWeb <philweb@lists.philo.at>: Indeed - Danke! -- https://arnold-schiller.de/ Am 20.02.26 um 14:41 schrieb Ingo Tessmann über PhilWeb:Verblüffend: „Ein Atomkern hat keinen exakten Ort, sondern nur eine Aufenthaltswahrscheinlichkeit. Er ist gewissermaßen „überall ein bisschen“. Dadurch ist ein Ameisensäure-Molekül in fast jedem Moment faktisch dreidimensional. Durch diesen winzigen Schritt in die dritte Dimension verliert das Molekül seine Symmetrie, und es lässt sich nicht mehr mit seinem Spiegelbild in Deckung bringen, ähnlich wie das mit unserer linken und rechten Hand ist. Die Ameisensäure ist chiral – sie besitzt in der Hälfte der Zeit eine linkshändige und in der anderen Hälfte eine rechtshändige Form.“ https://arxiv.org/pdf/2503.13318 <https://arxiv.org/pdf/2503.13318> _______________________________________________ PhilWeb Mailingliste -- philweb@lists.philo.at Zur Abmeldung von dieser Mailingliste senden Sie eine Nachricht an philweb-leave@lists.philo.at_______________________________________________ PhilWeb Mailingliste -- philweb@lists.philo.at Zur Abmeldung von dieser Mailingliste senden Sie eine Nachricht an philweb-leave@lists.philo.at