Ein wesentlicher Hintergrund dieser Grenzziehung ist für mich die Kirchengeschichte selbst. Spätestens mit dem Konzil von Nicäa (325 n. Chr.) wird sichtbar, wie Glauben institutionell formalisiert wird: Nicht durch die Klärung von Texten oder Erfahrungen, sondern durch die Festlegung ontologischer Bekenntnisse und kirchlicher Autorität. Die spätere Kanonbildung im 4. und 5. Jahrhundert folgt dieser Logik: Sie schafft Einheit, indem sie selektiert, privilegiert und ausschließt. Damit entsteht ein stabiler religiöser Rahmen – aber auch ein Anspruch auf Deutungshoheit, der über individuelle Glaubensformen hinausgeht.
Historisch hat sich gezeigt, dass dort, wo Glaube epistemisch oder moralisch privilegiert und institutionell abgesichert wird, reale Machtwirkungen folgen: Sakralisierung von Herrschaft, religiös legitimierte Gewalt, Ausschlüsse und – bis in die Gegenwart – strukturelles Versagen im Umgang mit Verantwortung und Schuld. Diese Geschichte verstehe ich nicht als Argument gegen Glauben an sich, wohl aber als Mahnung, ihn nicht mit Wahrheits- oder Führungsansprüchen zu überfrachten.
Gerade deshalb ziehe ich für mich die Grenze dort, wo Glaube beginnt, sich als Wissen, Wahrheit oder normative Instanz auszugeben. Glaube ist für mich weder Wissen noch bloßes Nicht-Wissen, sondern eine Form von Orientierung, die dort entsteht, wo Wissen strukturell nicht ausreicht – ohne daraus einen allgemeinen Anspruch abzuleiten. Er ist nicht epistemisch privilegiert, aber auch nicht notwendig irrational.
Kurz gesagt:
Du ziehst eine harte Grenze entlang der Frage nach Sinn und Unsinn von Aussagen.
Ich ziehe eine Grenze entlang der Frage nach epistemischem Anspruch, institutioneller Autorität und ihren historischen Folgen.
Ich sehe darin keinen Widerspruch, sondern unterschiedliche Ebenen – und vielleicht erklärt genau das, warum wir uns in manchen Diagnosen nahe sind, ohne dieselben Begriffe zu teilen.
hallo ingo m.,
meine ein- und an-sichten sind zum großen teil biographie-bedingt, und da ist "glaube an was auch immer" seit aberjahren ein "rotes tuch" geworden, und im rahmen meiner denkökonomie in der kategorie unnütz bis schädlich. ich war ein kind der überaus braunen vergangenheit meiner väterlichen vorfahren, und daher von anbeginn und sogar aktiv kommunist/sozialist bis ich begriff, dass ALLE "...ismen" letztlich ideologien sind, untauglich bis lebensgefährlich, seither hänge ich keinem "...ismus" mehr nach
und die sozialen verwerfungen weltweit sind mir hinlänglich und mit eigenen augen unvergesslich gesehen und miterlebt aus meinen südamerikanischen und afrikanischen abenteuern nur zu gut bekannt, dagegen sind übrigens deutsche problemchen derselben und ähnlicher arten, bis heute jedenfalls, nicht der rede wert, denn wir führen hierzulande bis heute allesamt ein über-luxus-leben, das letztlich auf der ungenierten ausbeutung natürlicher und menschlicher ressourcen der restlichen welt beruht, und beweis dazu: man kann das sogar direkt messen, in form wieviel an energie jedem lebenden menschen zur verfügung steht (Kcal, el.energie usw).
so kommts zu meiner kategorisierung zu meiner denk- und erlebens- ökonomie: glaube = harmloser bis lebensgefährlicher blödsinn für glaubende bis hin zu den tätern, welche andere in solche sackgassen absichtlich hineinführen, um vorteile zu erreichen, etwa der glaube an den kapitalismus mit stets wachsenden ökonomien, denn nur stetes wachstum generiere eine gesunde ökonomie, dabei wäre eine gesunde eine nachhaltige ökonomie eine mit null-wachstum, denn bäume wachsen bekanntermaßen nicht in den himmel (in natura sind "steady-states" = gleichgewichte angesagt, und nicht stetes wachstum, das früher oder später immer und unausweichlich zu katastrophen führt, im ökonomischen zu sozialen verwerfungen aller arten, kriegen, "höflicheren" ausbeutungen, usw)
das einzige, das wir heute als wenigstens halbwegs zuverlässige grundlage unserer existenz haben, ist wissen, glaube hingegen gehört für mich in bausch und bogen auf den abfallhaufen der geschichte ...
wh.