Am 08.03.2026 um 17:17 schrieb Ingo Tessmann <tessmann@tu-harburg.de>:

Ich sehe eine interessante Parallele zu dem Wandel des prädynastischen Ägyptens vor 6000 Jahren bis hin zu den ersten Dynastien vor 5000 Jahren, wie Ludwig Morenz ihn in seiner Untersuchung „Vom Sternbild zum Götterbild“ beschreibt, indem er zu beantworten versucht, „wie aus der Beobachtung eines Sternbildes eine religiöse Symbolfigur entstehen konnte.“ Zentral ist ihm dafür eine jungsteinzeitliche Prunkpalette aus Girza im Niltal. „Das Artefakt zeigt einen stilisierten Kuhkopf, zwischen dessen Hörnern fünf Sterne angeordnet sind.“ Die fünf Sterne der Palette identifiziert Morenz mit dem Sternbild Orion. Damit bekommt das jungsteinzeitliche Bild von der Himmelsgöttin zwei Seiten: „den Taghimmel mit der Sonnenscheibe als 'Sonnenfrau' und den Nachthimmel als 'Sternenkuh‘.“ 

Ich spanne den Bogen weiter von der „Sternenkuh" aus dem prädynastischen Ägypten bis zu den Weltraumgedichten „Gestirne“ von Alexander Schnickmann. Die jungsteinzeitliche Prunkpalette aus Girza stellt eine Verbindung zwischen dem Sternbild Orion und der Göttin der Nacht her. Der Katholik Schnickmann scheint im Kapitel Beetlejuice alias Betelgeuse daran anzuknüpfen und wiederholt damit den Wandel vom LOGOS zum MYTHOS,— dem wir erneut ausgesetzt sind. 

Als ein herausragender Philosoph des LOGOS gilt der kürzlich verstorbene Jürgen Habermas, der während meines Studiums neben Paul Lorenzen zu meinen meistgelesenen Philosophen zählte. Der Tod des 1929 geborenen Habermas erinnerte mich auch an seine Zeitgenossen des Jahrgangs: Ralf Dahrendorf und — Anne Frank, die Schriftstellerin hätte werden können, wenn sie nicht als Jüdin zur falschen Zeit bzw. im falschen Land geboren worden wäre.   

"Habermas schrieb die Moderne fort durch grundlegende, weltweit rezipierte Bemühungen in der Sprach- und Sozialphilosophie, in Soziologie und Gesellschaftstheorie, in politischer Philosophie, Moral- und Rechtsphilosophie. Er war ein Brückenbauer zur englischsprachigen analytischen und politischen Philosophie und Wortführer und oft Initiator grundlegender Diskussionen und „Streite" zu zentralen Fragen in Wissenschaft, Politik und Gesellschaft.“ So ist es in einem Nachruf zu lesen. Da er als Sozialphilosoph und Sozialforscher allerdings Naturphilosophie und Naturwissenschaft ignorierte, hat er die Moderne allenfalls halb fortgeschrieben. Carl Friedrich von Weizsäcker und Paul Lorenzen haben demgegenüber weniger ignorant philosophiert.   

In den 1970ern war Dahrendorf für mich ein „Scheißliberaler“, für Jürgen Habermas aber „war Ralf Dahrendorf immer schon der Erste seiner Generation. Er war der erste, der Marx nicht links liegen ließ, der erste, der im Gefolge von Raymond Aron die westlichen Nachkriegsgesellschaften als entwickelte Industriegesellschaften erfasste, der erste, der gegen die Vorstellungen einer nivellierten oder gradualisierten Mittelstandsgesellschaft die nach wie vor bestehenden Schranken zwischen den Klassen hervorhob, er war der erste, der den Nationalsozialismus in eine Entwicklungsgeschichte der verzögerten Moderne einordnete, er war der erste, der einen politischen Begriff des Staatsbürgers und seiner sozialen Rechte entfaltete, er war der erste, der eine eigene soziologische Theorie vorlegte, und er war der erste seiner Generation, der einen soziologischen Bestseller verfasste, der in einer Reihe mit politischen Kommentaren im Fernsehen auftrat, der maßgeblich an der Gründung einer Universität beteiligt war, der in die Politik wechselte, der sich als Wissenschaftsmanager betätigte, der einem College einer der bedeutendsten englischen Universitäten vorstand und der nicht nur Deutscher sein wollte und eine weitere Staatsbürgerschaft annahm. Das alles war möglich, weil das nach 1945 „weitgehend unkodifizierte und intellektuell reizvolle Unternehmen“ der Soziologie ihm und seine Begabungen ein freies Feld bot“ (Handbuch Öffentliche Soziologie).

Jürgen Habermas und Ralf Dahrendorf. Wechselseitige Freundschaft und Anerkennung: 

https://www.tabularasamagazin.de/juergen-habermas-und-ralf-dahrendorf-wechselseitige-freundschaft-und-anerkennung/

Ungeachtet mancher Auseinandersetzungen in der Sache drückte Ralf Dahrendorf dem Altersgenossen Jürgen Habermas seine ungeteilte Wertschätzung aus: „Ich halte ihn für den bedeutendsten Intellektuellen meiner Generation.“

https://www.blaetter.de/sites/default/files/downloads/ebook/Der_Aufklaerer_%20Juergen_Habermas.pdf

Welche deutschen Gegenwartsphilosophen vermögen in die Fußstapfen der beiden aus dem Jahrgang 1929 zu treten? GPT beantwortet die Frage abschließend mit: „Einen direkten „Nachfolger“ von Habermas oder Dahrendorf gibt es nicht. Die Gründe: Die öffentliche Rolle des Intellektuellen hat sich fragmentiert. Die Medienlandschaft ist pluraler geworden, weniger auf einzelne Stimmen fokussiert. Die Spezialisierung in der Wissenschaft hat zugenommen.“ Traut sich heute vielleicht niemand mehr zu, Lebenswelt und Weltall integrativ zu bedenken?      

IT