Am 23.03.2025 um 09:09 schrieb Ingo Tessmann über PhilWeb <philweb@lists.philo.at>:

Frei nach Eichendorff wäre meine philosophische Quintessenz für Kunst und Wissenschaft zunächst:

Ruht Gestalt in allen Dingen
Die sich formen aus dem Ur
Und die Welt hebt an zu schwingen
Triffst du etwa die Struktur

Die Frage nach dem Ur, Ursprung, der Ursache verkennt die Selbstbezüglichkeit im Zusammenwirken von Gesetzen und Einschränkungen, die rückbezüglich ihre eigenen Voraussetzungen enthalten sollten. Aber lässt sich die Welt nicht auch einfach feiern, anstatt sie verstehen zu wollen? Und sind die Ursprünge zunächst nicht werkbezogen auf die Anfänge zu beziehen? Dazu einige Beispiele:   

Einsteins Annahme: „Die Gesetze der Physik müssen so beschaffen sein, daß sie in bezug auf beliebig bewegte Bezugssysteme gelten.“ Folgerung: Tensoranalytisch selbstbezügliche Feldgleichung zwischen Raumzeit und Materie.

Wittgensteins erster und letzter Satz: „Die Welt ist alles, was der Fall ist.“ Und: "Worüber man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.“ 

Wo Sprache endet, kann Mathematik weiterhelfen und nach Wittgenstein Einstein gelesen werden. 

Ravels Bolero beginnt rhythmisch mit einem auf der kleinen Trommel geschlagenen zweitaktiken Grundschema, dass mit drei Triolen endet und harmonisch begleitet wird von gezupften Viola und Violoncello durch Tonika und Dominante. Er beginnt zart und endet orgiastisch:

https://www.br-klassik.de/themen/klassik-entdecken/starke-stuecke-ravel-bolero-100.html

Und Jarrett? Der „hängt diesen Bogen aus vier Tönen in die Luft, legt einen Rhythmus darunter, improvisiert. Komplex aber nicht kompliziert, eingängig, mit Lust am Klang. Hier und da blitzt Humor auf, Elemente wiederholen sich, aber nur, um zur nächsten Überraschung hinzuleiten. Es gibt Lyrik, es wird laut, schwere Anstiege, erlösende Gipfel, Virtuosität, die sich nicht in den Vordergrund drängt. Ein ums andere Mal die für Jarrett typischen Ausrufe und Seufzer.“ 

https://www1.wdr.de/radio/wdr3/programm/sendungen/wdr3-kulturfeature/koeln-concert-keith-jarett-100.html

„Stairwar to Heaven“ hebt an mit zart-verwunschenen Gitarrenklängen, die nach orgiastischer Steigerung wiederum verwunschen ausklingen: 

There's a lady who's sure all that glitters is gold
And she's buying a stairway to Heaven
When she gets there she knows, if the stores are all closed
With a word she can get what she came for

https://www.swr3.de/musik/die-groessten-hits-und-ihre-geschichte/stairway-to-heaven-led-zeppelin-100.html
   
In „Like a Rolling Stone“ fragt Dylan wiederholt:

How does it feel, how does it feel?
To be without a home
Like a complete unknown, like a rolling stone

https://www.swr3.de/musik/die-groessten-hits-und-ihre-geschichte/like-a-rolling-stone-bob-dylan-100.html

Rhythmisch wie textlich eindringlich problematisiert Dylan den Individualismus in wiederkehrenden Schemata ohne musikalische Steigerung und nur textlichen Variationen hinsichtlich der gleichen Fragen. Das Stück hört so prägnant auf wie es anfängt mit den Schilderungen von Höhen und Tiefen des Lebensalltags und wirkt damit musikalisch ähnlich Wellengängen. Wer das Leben bloß feiert lernt nicht schwimmen und droht unterzugehen.  

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