Frei nach Eichendorff wäre meine philosophische
Quintessenz für Kunst und Wissenschaft zunächst:
Ruht Gestalt in allen Dingen
Die sich formen aus dem Ur
Und die Welt hebt an zu schwingen
Triffst du etwa die Struktur
Die Frage nach dem Ur, Ursprung, der Ursache verkennt die
Selbstbezüglichkeit im Zusammenwirken von Gesetzen und
Einschränkungen, die rückbezüglich ihre eigenen Voraussetzungen
enthalten sollten. Aber lässt sich die Welt nicht auch einfach
feiern, anstatt sie verstehen zu wollen? Und sind die Ursprünge
zunächst nicht werkbezogen auf die Anfänge zu beziehen? Dazu
einige Beispiele:
Einsteins Annahme: „Die Gesetze der Physik müssen so beschaffen sein, daß
sie in bezug auf beliebig bewegte Bezugssysteme gelten.“
Folgerung: Tensoranalytisch selbstbezügliche Feldgleichung
zwischen Raumzeit und Materie.
Wittgensteins erster und letzter Satz:
„Die Welt ist alles, was der Fall ist.“ Und: "Worüber man
nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.“
Wo Sprache endet, kann Mathematik weiterhelfen und nach Wittgenstein Einstein gelesen werden.
Ravels
Bolero beginnt rhythmisch mit einem auf der kleinen Trommel
geschlagenen zweitaktiken Grundschema, dass mit drei Triolen
endet und harmonisch begleitet wird von gezupften Viola und
Violoncello durch Tonika und Dominante. Er beginnt zart und
endet orgiastisch:
Und
Jarrett? Der „hängt diesen Bogen aus vier Tönen in die Luft,
legt einen Rhythmus darunter, improvisiert. Komplex aber nicht
kompliziert, eingängig, mit Lust am Klang. Hier und da
blitzt Humor auf, Elemente wiederholen sich, aber nur, um zur
nächsten Überraschung hinzuleiten. Es gibt Lyrik, es wird
laut, schwere Anstiege, erlösende Gipfel, Virtuosität, die
sich nicht in den Vordergrund drängt. Ein ums andere Mal die
für Jarrett typischen Ausrufe und Seufzer.“
„Stairwar
to Heaven“ hebt an mit zart-verwunschenen Gitarrenklängen, die nach orgiastischer Steigerung wiederum verwunschen ausklingen:
There's
a lady who's sure all that glitters is gold
And she's buying a stairway to Heaven
When she gets there she knows, if the stores are all closed
With a word she can get what she came for
In
„Like a Rolling Stone“ fragt Dylan wiederholt:
How
does it feel, how does it feel?
To be without a home
Like a
complete unknown, like a rolling stone
Rhythmisch
wie textlich eindringlich problematisiert Dylan den
Individualismus in wiederkehrenden Schemata ohne musikalische
Steigerung und nur textlichen Variationen hinsichtlich der
gleichen Fragen. Das Stück hört so prägnant auf wie es anfängt
mit den Schilderungen von Höhen und Tiefen des Lebensalltags und
wirkt damit musikalisch ähnlich Wellengängen. Wer das Leben bloß feiert lernt nicht schwimmen und droht unterzugehen.
IT