Moin Thomas, 

im Anschluss an JH frage ich mich, was Lieschen Müller zu Deinem Text denken könnte. „Der Atem ist nicht pure Rhythmik als reine zeitliche Ordnung, sondern er hat Inhalt, er ist ein gefülltes Volumen.“ Dem wird sie zustimmen können, obwohl es nicht das trifft, was Atmung ausmacht. Aber dann wird es schon wieder metaphorisch: „Das Vermittelnde ist in diesem Fall Inhalt-transportierende, damit das Eigensein transzendierende Information, und diese strahlt aus dem je Eigenen aus wie Licht aus einer Quelle.“ 

Hast Du überhaupt das Ansinnen, verstanden zu werden? Dabei ist die tatsächliche Verbindung von Photosynthese und Atmung hier in der Biosphäre js ein faszinierendes Zusammenspiel der Lebensformen. Mit dem ersten Atemzug beginnt und mit dem letzten endet Säugetierleben. Das verstehen schon Kinder. Warum nicht vom Besonderen ausgehen und Schritt für Schritt versuchen zum Allgemeinen zu gelangen? Das hattest Du doch auch thematisiert. Warum versuchst Du es nicht einmal? 

IT  



Am 07.11.2023 um 10:09 schrieb Dr. Dr. Thomas Fröhlich über PhilWeb <philweb@lists.philo.at>:


Selbst-Sein, Eigen Sein in Affirmation und – nein, nicht dessen Negation, sondern das von ihm ausgehende Über-Sich-Hinausgehen unter Bewahrung des Bezuges zum Selbst – das ist das interaktive Grundelement. Das Transzendieren führt hierbei nicht in ein universalistisches, pauschales, allgemeingültiges Nein, sondern zu anschlussfähigen Aspekten weiteren Eigenseins.

 

„Die Zeit“ und „der Raum“ sind universalistisch gedacht, und betreffen zunächst die transzendenzfähigen Aspekte von Eigen-seiender agency. „Das Universum“ ist ebenfalls als genuine Einheit gedacht. Tatsächlich steht am Anfang des Eigensein mitsamt seinem Transzendieren. Ein Schreiten und Überschreiten. Es als absoluten Gegensatz zu denken, wird der beibehaltenen Selbstbezogenheit des Überschreitens nicht gerecht. Das Außen ist nicht das absolute Nein, das ungegliederte Chaos und Nirgendwo. Es ist nicht das in sich diffuse, ungegliederte Dunkel im Gegensatz zum quellentspringenden Licht. Ein gesetztes Innen impliziert als genuines Anders- und Eigensein dieses Andere, aber nicht als beziehungslos für Alles geltende, damit abstrakte, pure Negation, sondern als Richtung innerhalb weiteren, je von innen nach außen gerichteten Seins.

 

Wenn dann das Transzendieren gelingt, geschieht dies als auf beide oder alle Beteiligten bezogen bleibende zeitweilige Übereinstimmung.

 

Das pure Innen, als pures Sein ist ein Fluchtpunkt menschlich-gedanklicher Extrapolation, als deren Endergebnis und Ziel, und nicht als vorab gegebener Ausgangspunkt. In dieses „pure Sein“ einzugehen, ist der Inbegriff von allgemeingültiger, weil das Sein als solches betreffender Zukunft. Es ist der thomistische actus purus, auch als Aufhebung der Zeit, genannt Gott.

 

Die Vorstellung, dass dies nicht nur der Zielpunkt, sondern zugleich der Ausgangspunkt jedweden Seins sei, wird in der Schöpfungsgeschichte artikuliert. Auf die als anfänglich gedachte Setzung folgt dann deren Transzendieren hin zu weiteren Setzungen, hin zu einer Vielheit, einem Multiversum aus Eigenwelten. Das, was einst ins pure Sein zurückfallen wird, entsprang diesem puren Sein. Der Kreis schließt sich.

 

Das pure Sein ist a-perspektivisch, zeitlos, ortlos, allgemein nicht in dem Sinn, dass es alles Sein einschlösse, sondern in dem Sinn, dass es allem Sein zugleich voraus und folgend ist.

 

Die Physik setzt Sein (stillschweigend) voraus, und beschreibt dessen verallgemeinerbaren, un-eigenen Aspekte. Sie arbeitet mit inhaltleeren Verneinungen als absoluten Gegensätzen. Ihr Skalenwerk ist von jedwedem Inhalt abgezogen, abstrahiert, extrapoliert, und sie erlaubt sich eine manichäische Extrapolation hin zu absoluten Gegensätzen. Ihre Aussagen betreffen die Art, aber nicht das Wunder des Seins.

 

Diese Art zu Sein ist im Hinblick auf verallgemeinerbare Aspekte des Seins entsprechend allgemein. Die entsprechende Konzeption eines „Universums“ sieht ein allumfassendes Zusammenhängen nach den allgemeinen Regeln vor. Diese Kohärenz des allem Gemeinen wird dann als Ausgangspunkt genommen, um das Besondere daraus entstehen zu lassen. Das aber geht nicht: das Nicht-Allgemeine, Jeweilige, Besondere kann nicht aus dem Allgemeinen hergeleitet werden. Die logische Folge muss gerade umgekehrt sein: das Besondere kann verallgemeinerbare Aspekte enthalten, und der auf letztere Beschränkte Blick ergibt folgerichtig ein „Universum“.

 

Zurück zum Besonderen mitsamt seinen zu teilenden Aspekten: Diese Kombination kann zu einem semantischen „Punkt“ verdichtet werden, der wiederum als Ausgangs- und Endpunkt der Schöpfung angesehen wird. Schöpfung meint hier das Erzeugen nicht des bloß Individuellen, Besonderen, sondern des Besonderen, Eigenen mitsamt seinen verallgemeinerbaren Aspekten. Die Schöpfung ist dann ein Ausbreiten, Entfalten, Ausrollen in die Vielfalt, an deren Grund aber nicht nur das Allgemeine, sondern das Besondere mitsamt seinen verallgemeinerbaren Aspekten steht. Die Schöpfung ist dieses Ausbreiten in gleichzeitige Vielfalt.

 

Das wechselseitige Einformen von teilbaren, mitzuteilenden Aspekten des Eigenseins ist ein Informieren. Dieses besteht aus Inhalten, die in ein je Eigenes aufgenommen und somit in eine andere, nämlich dessen Form gebracht werden. Dies ist eine dem anderen Eigenen angepasste Form des Zusammenhängens, des jeweiligen Kohärierens.

 

Wenn man den Kohärenzaspekt gedanklich heraushebt, entspricht er dem, was im aristotelischen Sprachgebrauch die Psyche ist und leistet. Sie bleibt Inhalts-bezogen als dessen Ordnungsaspekt. Der Atem ist nicht pure Rhythmik als reine zeitliche Ordnung, sondern er hat Inhalt, er ist ein gefülltes Volumen. Ruah, pneuma, spiritus sind somit auf kohärierenden Inhalt bezogen, und schweben nur insofern über diesem, als sie gedanklich als gesonderte Ansicht von ihm unterschieden werden. (Wiki: Das weibliche hebräische Wort rûaḥ (רוּחַ) kommt im Tanach, der hebräischen Bibel, 378 Mal vor. An bestimmten Stellen wird das Wort mit ‚Geist‘ übersetzt. Die Grundbedeutung von rûaḥ ist ‚bewegte Luft‘[1]. In griechischen Übersetzungen des Tanach ist die Übersetzung als Pneuma zu finden, ebenso im Neuen Testament.).

 

Der Geist ist somit der Ordnungsaspekt von je besonderem Inhalt, von Inhalt, der auch verallgemeinerbare Aspekte in sich trägt. Die Ordnung, die der Geist darstellt, bezieht sich dann auf Beides: auf das Innesein und Jeweiligsein im je Eigenen, Besonderen und auf die Einformung von teilbaren Aspekten dieses Eigenen in anderes Innesein. Das Ergebnis, wenn es denn erreicht ist, ist ein Zugleich von Besonders- und Allgemein-Sein, von Gemeinsam-Sein, das das Eigensein nicht aufhebt, sondern dynamisch in Korrespondenz-fähiger Schwebe hält. Das Vermittelnde ist in diesem Fall Inhalt-transportierende, damit das Eigensein transzendierende Information, und diese strahlt aus dem je Eigenen aus wie Licht aus einer Quelle.

 

Hierzu das Zitat aus Karls E-Mail:

 

Was sollte Geist sein, wenn er nicht Träger von Information, wenn er nicht „Licht“ wäre? Das drückt sich metaphorisch in der Genesis aus: Gott sprach „Es werde Licht. Und es wurde Licht.“ Gott, ebenso immaterielle, numinöse, nicht (be)greifbare Wesenheit, quasi als Lichtgestalt, erschafft nach seiner Idee Kosmos und Welt. Eine Vorstellung, die man haben kann oder eben auch nicht, das liegt in jedes einzelnen Menschen Ermessen (im wahrsten Wortsinne). Übrigens, auch wir sind „Kinder des Lichts“, wenngleich sehr oft im Schatten des Weltgeschehens ängstlich schlotternd verborgen.