Nun, in Bezug auf die naturwissenschaftliche Weltsicht sehe keinen gravierenden Dissens zwischen uns, grundsätzlich anders verhält es sich mit unser beiden Sicht auf Metaphysik. Du hältst nichts davon, obgleich Du Dich damit - wie ebenso mit Mystik - beschäftigst. Letztere ist einem sehr speziellen Erfahrungsbereich zuzuordnen, der sicher auch von fragwürdigen Denkmustern und Praktiken durchsetzt ist. Grundsätzlich jedoch hat Mystik sich aus dem Bedürfnis von Menschen entwickelt, gefühlsmäßig in Einklang mit einem geglaubten Gott zu kommen.
Moin Karl,
im Mai 2020 hatte ich auf Ernst Tugenthat verwiesen, der von der Sprachanalyse über die Anthropologie zur Mystik gelangte. In seinem Buch Egozentrizität und Mystik schreibt er: "Alle Mystik hat zu ihrem Motiv, von der Sorge um sich loszukommen oder diese Sorge zu dämpfen. Mystik besteht darin, die eigene Egozentrizität zu transzendieren oder zu relativieren, eine Egozentrizität, die andere Tiere, die nicht „ich" sagen, nicht haben.“ Die Transzendenz muss nichts mit einem Gott zu tun haben. Sie kann ebenso in Poesie, Mathematik oder Natur münden.
Zu den Naturmystikern gehörte schon Thales, später dann Spinoza und die Pantheisten. Die Pythagoreer waren Zahlenmystiker und aufgeklärte Poeten wie Peter Rühmkorf Naturmystiker: „Aufgabe der Dichtkunst: die Zufallsquanten ihrer Beliebigkeit zu entreißen und sie in Beziehung treten lassen. Der Gedankensprung, der als Sprung in der Form immer mitbewahrt bleibt. Still in seiner Ecke sitzen und zu tun haben wie die Natur. Fühlen wie eins ins andre sich wandelt, Sonnenlicht in Stärke, Stärke in Zucker, Zucker zu Brandtwein, Sprit zu Licht.“ Auch der Rausch kann erleuchten …
I'T