Am 19.01.2026 um 14:14 schrieb Ingo Tessmann über PhilWeb <philweb@lists.philo.at>:
Am 19.01.2026 um 03:09 schrieb Karl Janssen über PhilWeb <philweb@lists.philo.at>:Denken verhilft zu Wissen, nachdenken zu tieferem Wissen.Moin Karl, IM hatte geschrieben: „was ich will das ist nicht viel / will nur ein tief’res Wissen.“ In Gedichten wird bekanntlich die Metaphorik gefeiert. Zu Wissen verhilft nur begründendes Denken und wenn „nachdenken zu tieferem Wissen“ verhelfen soll, hilft vordenken wohl zu höherem Wissen? Begründungen können nicht hoch oder tief sein, aber lang oder kurz, nachvollziehbar oder unsinnig. Bleiben sie der Umgangssprache verhaftet, beziehen sie sich lediglich auf die Lebenswelt. Aufs Weltall hinaus reicht die Mathematik. Insofern bleibt lebensweltliches Wissen hinsichtlich des Weltalls nur Scheinwissen.IT
Was willst Du mir damit sagen, Ingo? Etwa, dass Mathematik das Mass aller Dinge sei, selbst in das Weltall reichend? Die Natur - und damit selbstredend auch diese Erde als habitable Lebenswelt - bietet uns Menschen eine Existenz als Lebewesen, die sich als denkende, fühlende Entitäten zu erkennen vermögen: „Cogito, ergo sum“ als Ausdruck rudimentärer Selbstwahrnehmung, die von ihrer essenziellen Ausprägung her jene aller anderen Lebewesen dieser Erde übersteigt. „Meta ta physika“, dieses Vermögen, das Wissen um die pure körperliche Existenz über die Grenzen der erkennbaren, messbaren, abzählbaren Lebenswelt hinaus zu erweitern, zeichnet einzig uns Menschen aus.
Moderne Astrophysik bietet einen bislang unvorstellbaren Ausblick in die Struktur dieses Universums und lässt alle in früheren Epochen erworbene Kenntnis, vor allem aber jegliche metaphysische Spekulation über Gott und Götter hinter sich, wird somit zu gesichertem Wissen, quasi als ein neues, wesentlich erweitertes „Cogito, ergo sum“ als tragendes Fundament moderner, rationaler Erkenntnistheorie. Darauf bezogen ist dieses Wissen definitiv kein „Scheinwissen“ und was die Metaphysik anbelangt, gilt weiterhin uneingeschränkt, dass es kein Wissen - somit auch kein Scheinwissen - über die transzendentale Ebene des DASEINS in dieser Lebenszone geben kann.
Bezogen auf alle möglichen Gottesvorstellungen, insbesondere deren skurrile Ausprägungen in diversen Religionen, kann man mit aller Berechtigung von Scheinwissen sprechen. Es ist ein vorgeblich behauptetes Wissen, als solches unbeweisbar, wie eben auch ein Gott nicht rational beweisbar ist, sondern allenfalls nur gedacht, sehr sicher aber erspürt, resp. gefühlt und somit geglaubt werden kann: „God is a Feeling“ oder wie Waldemar es formulierte, ein Gefühl von Allgeborgenheit.
Das untrügliche Gefühl von Geborgenheit, zufolge einer universal existierenden Intelligenz, an der Menschen partizipieren können, wenn sie damit in Resonanz zu treten vermögen und damit das Potential ausschöpfen können, aus sich selbst heraus, somit selbstreferent produktiv, also schöpferisch qua resonanter Inspiration tätig zu werden.
Christen sollen sich als Kinder eines Schöpfergottes erkennen und dessen Aufforderung zur schöpferischen Gestaltung des Lebensraums Erde in die Tat umsetzen. Wo hier nun von Scheinwissen die Rede war, kann man gleichermaßen von Schein-Christen sprechen, deren Moral eben Scheinmoral ist.
„Macht euch die Erde untertan“, dieses göttliche Angebot an die Menschen dieser Erde zu deren schöpferischen Ausgestaltung (potentia ad actum) wurde und wird zu Teilen in grandioser Art und Weise, andernteils jedoch sträflichst missgeleitet umgesetzt.
Was nützt also das grossartige Wissen um Mathematik (als die „Programm-Sprache“ der Natur), wenn es im Sumpf des Alltags- und Scheinwissens versinkt?
Höheres vs. tieferes, d.h. tiefergehendes Wissen. Was anderes als beständiges (Hinter-)Fragen, resp. Nachdenken über die Phänomene dieser Lebenswelt führt zu diesbezüglich tiefergehendem Wissen?
„Tieferes Wissen“ erwerben, mit diesem Anspruch konnte nur der Wunsch nach Erkenntnis bezüglich der Dinge hinter den Dingen, also Wissen hinsichtlich besagtem „Meta ta physica“ gemeint sein. Für die Positivisten dieser Welt stellt sich diese Frage selbstredend nicht, bzw. kann sie sich nicht stellen, weil sie nicht darüber nachdenken.
KJ