Hi there,
gegenwärtig werden ja vier Musikfilme in den großstädtischen Kinos gezeigt. „Köln 75“
erinnert an die besonderen Umstände des Zustandekommens des Jarrett-Konzerts vor 50 Jahren
in der Kölner Oper. „Like A Complete Unknown“ erzählt die Anfänge Dylans im New York der
1960er Jahre und endet damit, wie er vor bald 60 Jahren auf dem New Port Folk Festival den
Folk zum Folk-Rock erweiterte. 1966 begann mit „Beck’s Bolero" die Vorgeschichte der
Band Led Zeppelin, der 2021 anlässlich des 50-jähringen Bestehens ihres IV. Albums der
Film „Becoming Led Zeppelin“ gewidmet wurde. Und vor 150 Jahren wurde Ravel geboren, an
dessen Ballettmusik „Bolero“, 1928 in der Pariser Oper uraufgeführt, der gleichnamige Film
erinnert.
Welche hervorzuhebenden Verbindungen bestehen zwischen diesen Filmen und Musiken? Bei
Ravel und Jarrett sind es die Opernhäuser und das Klavier, bei Ravel und Led Zeppelin ist
es der Bolero, bei Dylan und Led Zeppelin ist es der Rock. Und in welcher Beziehung stehen
die 1920er, 1960er und 1970er Jahre zur Gegenwart der 2020er? Ravels und Becks
„Bolero" sind zu Klassikern geworden, ebenso wie Jarretts „Köln Conzert", Dylans
„Like A Rolling Stone“ und Led Zeppelins „Stairway To Heaven“. In den 1920ern und 1960ern
kam es zu vielfältigen Umbrüchen in den Künsten und Wissenschaften wie in den Kulturen und
Gesellschaften. Ravel, Dylan und Jarrett trugen zu dem mit ihrer Rhythmus und Impression
betonenden Musik bei. Den Bogen zwischen E- und U-Musik schlugen Jeff Beck und Jimmy Page
mit ihrer rockinstrumentalen Anverwandlung der Ravelschen Ballettkomposition. Ins 21.
Jahrhundert übertrugen bspw. Bryan Ferry und Beth Hart die Musik Dylans und Led Zeppelins
mit „Dylanesque“ und „A Tribute to Led Zeppelin“.
Mit dem Bolero beginnen Maschinisierung und Erotisierung der Musik, die in der Pop- und
Rockmusik bis heute bestimmend geblieben sind. Zwei einfache, gekonnt ineinander verwobene
Melodien, werden achtzehn mal zwar klanglich variiert, ansonsten aber wenig lauter und
rhythmisch drängender akzentuiert wiederholt. „Zum einen verweigert Ravel im Bolero
konsequent jede motivisch-thematische Arbeit im Sinne klassisch-romantischer Musik. Auch
differenzierte Harmonik und harmonische Entwicklung fehlen. Die Unerschütterlichkeit, mit
der hier nicht nur die ostinate Begleitung, sondern auch die Melodie immer von neuem
unverändert wiederholt wird, dürfte in europäischer Kunstmusik einzigartig sein: Insgesamt
18 Mal, über eine ganze Viertelstunde hinweg, ertönt 'immer das Gleiche’.“ So steht es
im Unterrichtsmaterial des BR.
„Keith Jarretts abendfüllende Köln-Performance begann mäßig bewegt mit gravitätisch
zwischen Dur und Moll wechselnden Akkorden. Darauf folgte ein polyphones, durch Haupt- und
Nebenstimmen wanderndes Geflecht, das schließlich in ein einfaches und zugleich obsessiv
wiederholtes, pendelndes Terzen- und Sextenmotiv mündete, pendelnd zwischen G-Dur und
a-Moll. Im weiteren Verlauf dieses ausgedehnten Klaviermysteriums entfalteten sich vor den
Ohren der größtenteils hingerissenen Zuhörerinnen und Zuhörer in der Kölner Oper Motive
von hymnischer Innigkeit, Ausbrüche von dramatischer Wildheit und impressionistisch
schwebende Klangmalereien zu einem großen zusammenhängenden Organismus.“ So ist es im
BR-Kommentar eines damaligen Zuhörers zu lesen.
Weil Jarretts schwelgerische Musik über weite Strecken auf einfachen Mustern und reinen
Dreiklängen basiert, umschmeichelt sie die Zuhörenden mit ihrer meditativen
Wohlklangsfülle eher als sie herauszufordern. Dennoch tauche ich mit Jarretts
Improvisationen bis heute wie in einen musikalischen Bewusstseinsstrom hinein, in dem mein
Zeitgefühl aufzugehen scheint und in einer Art Gleichzeitigkeit immer wieder neue komplexe
Strukturen zusammenklingen.
Über die vier Filme und ihre kontextuell gestalteten Musiken ließe sich endlos weiter
palavern. Aber was wäre die philosophische Quintessenz? Inwieweit taugen Improvisationen
mit Variationen und Wiederholungen auch zum Philosophieren? Und wie bedeutsam sind Gesang
und Text neben Melodie und Rhythmus in der Rockmusik? Befragt Dylan in „Like A Rolling
Stone“ wiederholt den Individualismus problematisierend auf seine Konsequenzen hin,
geraten Led Zeppelin mit „Stairway To Heaven“ träumerisch romantisierend in mystische
Gefilde.
IT