Hallo Waldemar, werte Anwesende, hallo Rest der Welt
Am 24.01.26 um 19:15 schrieb waldemar hammel über PhilWeb:
wobei, für mich unverständlich, der metaphysiker selbst nicht bemerkt,
dass er mit seiner methode der vermeintlichen welterfahrung unsinniges
betreibt -- die zb frage "was ist licht? =sinnvoll, eine frage wie
"was ist göttliches licht?" hingegen = purer unsinn, und die antworten
entsprechend
wh.
danke für deine Klarstellung. Ich glaube, unser Dissens liegt weniger in
einzelnen Folgerungen als in den Axiomen, von denen wir jeweils
ausgehen. Vielleicht hilft es, diese explizit zu machen.
Wenn ich dich richtig verstehe, definierst du Glauben strikt als „noch
nicht wissen“ oder als prinzipiell nicht wissbar. Alles, was prinzipiell
wissbar ist, gehört für dich bereits in den Bereich einer
fortschreitenden Wissensevolution. Metaphysik erscheint dir vor diesem
Hintergrund als ein semantisches Spiel ohne Weltbezug – sinnvoll nur
dort, wo Aussagen zumindest physikbasiert anschlussfähig sind. Diese
Position ist in sich konsistent, und ich habe keinen Anlass, sie in
Frage zu stellen.
Mein eigener Ansatz setzt an einem etwas anderen Punkt an. Ich versuche
nicht zu entscheiden, /was/wahr ist, sondern /unter welchen
Bedingungen/bestimmte Überzeugungen – einschließlich Glaubensformen –
stabil werden können, ohne epistemisch überfordert zu sein. In diesem
Sinn interessiert mich weniger die Wahrheit metaphysischer Aussagen als
ihre Funktion, ihre Grenzen und ihre Folgen.
Ein wesentlicher Hintergrund dieser Grenzziehung ist für mich die
Kirchengeschichte selbst. Spätestens mit dem Konzil von Nicäa (325 n.
Chr.) wird sichtbar, wie Glauben institutionell formalisiert wird: Nicht
durch die Klärung von Texten oder Erfahrungen, sondern durch die
Festlegung ontologischer Bekenntnisse und kirchlicher Autorität. Die
spätere Kanonbildung im 4. und 5. Jahrhundert folgt dieser Logik: Sie
schafft Einheit, indem sie selektiert, privilegiert und ausschließt.
Damit entsteht ein stabiler religiöser Rahmen – aber auch ein Anspruch
auf Deutungshoheit, der über individuelle Glaubensformen hinausgeht.
Historisch hat sich gezeigt, dass dort, wo Glaube epistemisch oder
moralisch privilegiert und institutionell abgesichert wird, reale
Machtwirkungen folgen: Sakralisierung von Herrschaft, religiös
legitimierte Gewalt, Ausschlüsse und – bis in die Gegenwart –
strukturelles Versagen im Umgang mit Verantwortung und Schuld. Diese
Geschichte verstehe ich nicht als Argument gegen Glauben an sich, wohl
aber als Mahnung, ihn nicht mit Wahrheits- oder Führungsansprüchen zu
überfrachten.
Gerade deshalb ziehe ich für mich die Grenze dort, wo Glaube beginnt,
sich als Wissen, Wahrheit oder normative Instanz auszugeben. Glaube ist
für mich weder Wissen noch bloßes Nicht-Wissen, sondern eine Form von
Orientierung, die dort entsteht, wo Wissen strukturell nicht ausreicht –
ohne daraus einen allgemeinen Anspruch abzuleiten. Er ist nicht
epistemisch privilegiert, aber auch nicht notwendig irrational.
Kurz gesagt:
Du ziehst eine harte Grenze entlang der Frage nach Sinn und Unsinn von
Aussagen.
Ich ziehe eine Grenze entlang der Frage nach epistemischem Anspruch,
institutioneller Autorität und ihren historischen Folgen.
Ich sehe darin keinen Widerspruch, sondern unterschiedliche Ebenen – und
vielleicht erklärt genau das, warum wir uns in manchen Diagnosen nahe
sind, ohne dieselben Begriffe zu teilen.
Gruß aus der Diaspora
ingo mack