Hallo,
wieder eine summarische Antwort:
Am Mo., 5. Jan. 2026 um 17:17 Uhr schrieb Ingo Tessmann über PhilWeb
<philweb(a)lists.philo.at>at>:
Da im Kapitalismus (zumindest ideologisch) eher auf
Konkurrenz denn auf Kooperation gesetzt wird, werden die Menschen natürlich eher auf die
Schimpansen bezogen; wobei die Bonbons bereits 1929 entdeckt wurden! Zudem scheint mir die
Moral eine wesentliche Rolle zu spielen; denn Menschenaffen, die Konflikte friedfertig
durch Sex beilegen, können doch wohl für Moralisten kein Vorbild sein …
Ist das so?
Also ich sehe Kapitalismus als hochkooperatives System.
Nur eben eine Kooperation auf Basis von letztlich egoistischen
Interessen, mit allen damit verbundenen Problemen.
Riedl schreibt von Lernschichten, die von der
molekularen bis zur kulturellen Ebene aus Erwartungs-/Erfahrungskreisläufen bestehen. Dir
scheint ein ähnliches Rationalitätsverständnis vorzuschweben (und Karl ein ähnliches von
Intelligenz).
Nein.
Moleküle "lernen" in dem Sinne nichts. Sie sind auch nicht rational
oder irrational, jedenfalls sofern Wolfram's Ansatz nicht bestätigt
wird.
Es ist nun mal so, dass die selben abstrakten Prinzipien in zwei
verschiedenen Gebieten gelten können:
"Alle Menschen sind sterblich; Sokrates ist ein Mensch; Sokrates ist
sterblich".
und
"Alle Primzahlen sind Natürliche Zahlen; 7 ist eine Primzahl; 7 ist
eine natürliche Zahl".
Das sind sehr, sehr unterschiedliche Sätze, auch über völlig andere
Gegenstandsbereiche. Der eine Satz beinhaltet einen theologisch sehr
aufgeladenen Begriff, den Begriff der "Sterblichkeit" durch den
Menschen sich von den Göttern unterscheiden. Der andere behandelt
unanschauliche Objekte unseres Denkens, Zahlen.
Das Prinzip, dass diese beiden Sätze "applizieren" ist jedoch das
selbe: Der Modus Ponens Die Aussage, dass ein Element einer Menge, die
eine echte Teilmenge einer anderen Menge ist, damit auch Element der
anderen Menge ist -- sozusagen.
Genau das selbe gilt auch für Spieltheorie und evolutionäre
Spieltheorie. Die selben abstrakten Prinzipien, die für rationale
Agenten beim Spiel miteinander gelten, gelten dann auch für Lebewesen,
die sich in Konkurrenz fortpflanzen müssen.
Du gibst selbst gute Beispiele:
Ein kluger Kaufmann folgt dem Gebot der Sparsamkeit, deshalb sucht er
für seine Logistik den kürzesten Weg. Photonen scheinen ebenfalls den
kürzesten Weg zu suchen.
Am Mo., 19. Jan. 2026 um 03:09 Uhr schrieb Karl Janssen über PhilWeb
<philweb(a)lists.philo.at>at>:
Glasperlenspiel: [...]
In Hesses Utopie gibt es 5 Schulen in der Gelehrtenprovinz Kastalien:
Jeweils eine Schule für Musik, Altphilologie, Mathematik und
"aristotelisch-scholastische Denkmethoden" (Hesse scheint die damals
aktuelle Entwicklung der Algebraisierung der Logik nicht mitgemacht zu
haben). Die 5. Schule war dem geheimnisvollen "Glasperlenspiel"
zugeordnet. Wobei die Glasperlen nur ein Platzhalter für eine
Abstraktion sind.
Das Glasperlenspiel scheint aber Konzepte nicht selbst zu
konstruieren, sondern fügt neue Spielsteine nach Entscheidung des
Direktoriums hinzu.
Am Do., 22. Jan. 2026 um 20:02 Uhr schrieb tessmann--- über PhilWeb
<philweb(a)lists.philo.at>at>:
Ja, wann und warum hat es wesentliche
Fehlentwicklungen gegeben in der Menschheitsgeschichte?
Hier sieht man das ideologische Moment der Idee des Fortschritts.
Theorien beschreiben normalerweise nur, wie eine Sache ist.
Beispielsweise beschreibt die Evolutionstheorie, wie verschiedene
Lebensformen durch einen Prozess der natürlichen Selektion entstanden.
Auf der anderen Seite haben wir normative Aussagen, deren Wahrheit
oder Geltung wesentlich schwammiger sind.
Die Idee des Fortschritts jedoch vermengt diese beiden Bereiche. Sie
wird von Beschreibung zur Ideologie.
Anstatt also nur zu sagen, dass ein gesellschaftlicher Zustand, eine
Epoche 1 zu einer anderen Epoche 2 geführt hat, dann der Gläubige des
Fortschritts behaupten, dass eine bestimmte Entwicklung oder ein
bestimmtes Ereignis EIGENTLICH ein Rückschritt war. Damit ist der
Progressive dann nicht unähnlich den Dekadenztheoretiker. Beides
Geschichtsphilosophien. Beide unterliegen der selben elementaren
Kritik, die sich auf die Frage "woher weiß ich, ob das stimmt?"
reduzieren lässt.
Die Fortschrittsideologie hat ihre Wurzeln im 18. Jahrhundert und wird
aktuell besonders in ihrer marxistischen Form vertreten, jedenfalls im
Mainstream. Auch wenn konservative oder liberale Autoren den Marxismus
arg beuteln, um ihn in "Passform" zu kriegen.
Man sieht an dieser Ideologie sehr schön, zu welchen Absurditäten sie führt.
Marx & Engels haben beispielsweise Kinderarbeit als historischen
notwendigen Entwicklungsschritt in der Entwicklung der Produktivkräfte
gewesen. Ihnen war nämlich klar, dass sie zugleich einen tatsächlichen
Ablauf und eine normative Wünschbarkeit beschreiben.
Ihr Modell war klar, vom matriarchischen Urkommunismus, über die
verschiedenen Stufen wie Sklavenhaltergesellschaft, Feudalismus und
endlich Kapitalismus wieder hin zum eigentlich Kommunismus, in dem die
Produktionskräfte dann endlich befreit und zum Wohle der Menschheit
arbeiten. (Ist es nicht ein komischer Zufall, dass wir ausgerechnet am
Ende dieser Entwicklung uns befinden sollen, wo wir das alles dann
"erkennen"?)
Wir stellen also fest, dass eigentlich skandalöse Zustande mit der
Idee des Fortschritts gerechtfertigt werden kann, sofern er im
Ergebnis zu einem besseren Zustand führt.
Fortschritt ist damit hochgradig normativ.
Doch wie stellt der Anhänger der Fortschrittsidee fest, welche
Entwicklung eigentlich "progressiv" und welche "regressiv" sind?
Die üblichen Kriterien, wie Gefühle oder eine rationale Grundlage
fallen im Grunde aus. Eine z. B. kantische oder utilitaristische Ethik
würde ihre Werturteile nicht in Abhängigkeit von Zeitumständen
verändern.
Für den Anhänger des Fortschritts ist dieser so etwas wie die
Vorsehung Gottes. Mystisch und nicht vollständig rational
rekonstruierbar.
Es verbleibt,
der Ratlose.