Hallo IT, werte Anwesende
konkrete Beispiele aus dem derzeitigen Stand der Technik
erleichtern (mir) das Verständnis von Thesen wie :
Am 21.01.26 um 09:09 schrieb Ingo Tessmann über PhilWeb:
Mathematische Modelle des Universums können ohne Zeit
auskommen, aber in ihnen gleichwohl Zeit hervorgebracht werden. Physik schränkt Mathematik
natürlich wesentlich ein, sowohl prinzipiell wie empirisch, gleichwohl ist es sinnvoll,
mathematisch über Physik hinauszudenken. Die Quantengravitation lässt noch viele Fragen
unbeantwortet, insbesondere inwieweit die Naturkonstanten fix sind oder inwieweit die
nichtlokalen Verschränkungen kosmosweit relevant sind oder was jenseits der physikalischen
Beschränkungen in höheren Dimensionen oder jenseits des kosmischen Ereignishorizontes
möglich sein mag. Bloßes umgangssprachliches Fabulieren hilft da nicht weiter.
IT
Essay: „Staunen, Technik und Kontrolle – Reflexionen aus der
EUV-Lithografie“
Die Entwicklung der *EUV-Lithografie* (Extreme Ultraviolet Lithography)
ist ein Paradebeispiel dafür, wie moderne Technik sowohl unsere
Wahrnehmung der Welt als auch philosophische Kategorien verschiebt. In
der präzisen Abfolge von physikalischen, chemischen und
softwaregestützten Prozessen, die notwendig sind, um Halbleiter auf
Nanometer-Skala herzustellen, wird Technik nicht bloß als Werkzeug
erkennbar, sondern als *komplexe Erkenntnisform*.
1. Technik als Erkenntnisform
EUV zeigt, dass technisches Handeln heute weit über mechanische
Instrumente hinausgeht. Die Herstellung von Plasmen, die Nutzung von
Laserimpulsen zur Zinntröpfchenionisation, die extrem fragile
Spiegelarchitektur – alles muss in *präziser Modellkontrolle* auf
atomarer Skala koordiniert werden. Dabei wird sichtbar:
*
Technik ist nicht nur Instrument, sondern *System der
Wissensgenerierung*.
*
Kontrolle erfolgt *nicht direkt*, sondern über Modelle und
Rückkopplungssysteme.
*
Präzision wird zur ständigen Herausforderung, jeder Schritt birgt
die Gefahr des Scheiterns.
Die Technik ist hier *selbst ein epistemisches Medium*, das Erkenntnis
über Natur und Materialität erzeugt.
2. Staunen als epistemische Erfahrung
Das Staunen über die EUV-Technologie ist nicht nur eine ästhetische
Reaktion, sondern *eine philosophische Erfahrung*. Es entsteht aus der
Einsicht, dass die alltägliche Nutzung der daraus resultierenden
Produkte – etwa Smartphones – banal erscheint, während deren Herstellung
unfassbar komplex, fragil und kontingent ist.
Diese Diskrepanz führt zu einer Art *existenziellem Staunen*:
*
Wir leben in Systemen, die wir nicht vollständig verstehen.
*
Die Stabilität dieser Systeme wirkt gleichzeitig *fragil und
erstaunlich*.
*
Unser Alltag, voll Routine und Ablenkung, steht im Kontrast zur
radikalen Komplexität der Technik, die ihn ermöglicht.
3. Naturalisationseffekt und Technisierung
Wie bei Amanda Beech beschrieben, erzeugen Darstellungen von Technik
leicht den Eindruck einer *Unausweichlichkeit*. In EUV spiegelt sich
genau dieses Paradox:
*
Die Technologie wirkt, als wäre sie notwendig und selbstverständlich.
*
In Wahrheit handelt es sich um ein *hoch kontingentes, historisch
verhandeltes System*.
*
Die Vorstellung, dass „Technik muss so sein“, ist eine
*Naturalisation*, die EUV und Alltagsgeräte gemeinsam erzeugen.
Die Lektüre Beechs und die Betrachtung von EUV machen deutlich:
Technisierung ist kein Schicksal, sondern ein *systemisch
stabilisiertes, reflektierbares Resultat* menschlicher Praxis.
4. Philosophische Implikationen
Das Erlebnis von EUV und seiner Skalenbrüche berührt zentrale
philosophische Fragen:
*
*Sokratische Reflexion:* Wie können wir bewusst handeln, wenn wir
Teil von Systemen sind, deren Komplexität wir nicht überschauen?
*
*Kontrolle als Modellabhängigkeit:* Wir steuern Prozesse über
Modelle, nicht direkt über Materialien – eine neue Form der Agency.
*
*Präzision als Gefährdung:* Jede Nanometer-Abweichung kann
katastrophale Folgen haben, wodurch Stabilität immer ein fragiles
Gleichgewicht bleibt.
Technik, Staunen und Kontrolle werden so zu *Denkwerkzeugen*, die unsere
Perspektive auf Wissen, Macht und Alltag verändern.
5. Fazit
Die Reflexion über EUV-Lithografie zeigt, dass wir in einer Welt leben,
die technisch unglaublich komplex, epistemisch faszinierend und zugleich
fragil ist. Staunen ist hier *keine naive Bewunderung*, sondern eine
kritische Erfahrung, die uns die Grenzen unserer Kontrolle, die
Kontingenz aller Systeme und die tiefen Abgründe alltäglicher
Selbstverständlichkeiten bewusst macht.
Die Herausforderung besteht darin, diese Einsichten in *reflektiertes
Handeln* zu übersetzen: Nicht die Technik zu idealisieren, aber auch
nicht nur ihre Gefährdung zu sehen, sondern sie als *System der
Erkenntnis, Kontrolle und Verantwortung* zu begreifen.
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link zu EUV
https://www.youtube.com/watch?v=MiUHjLxm3V0
gruss aus der Diaspora
ingo mack