Whow:)
hallo Waldemar, werte Anwesende
da kann man durchaus einer geteilten Meinung sein,
Am 18.01.26 um 01:57 schrieb waldemar hammel über PhilWeb:
die semantizität der sprachen des schreibens, des sprechens, des
denkens steht in direkter korrespondenz mit der von uns erlebten
semantizität der welt, die uns umgibt, an der wir als "puppets on
strings" fest und unabänderlich aufgehängt sind,
mir gefällt die Puppen-String Theorie, wobei, semantisch genaugenommen
ein real meßbares Größenverhältnis von 10hoch minus 36
nicht im (weder semantisch verklausulierten- noch im monistischen)
Weltbild instrumentell nachgemessen werden kann. bei 10 hoch minus 18
ist der zeit Feierabend und schluß mit lustiger Prozesstauglichkeit.
immer und ewig nur eigenschaften = semantiken, selbst alle begriffe
sind nur platzhalter/zusammenfassungen von eigenschaftensummen der
sprachökonomie wegen
und als Platzhalter für weiteren Streit mag diese Replöik den Weg bereiten:
Glasperlenspiel und Produktionsverhältnisse
Eine Replik auf den semantischen Totalvorbehalt
Die Behauptung, es gebe kein „tieferes Wissen“, sondern lediglich immer
weiter geschichtetes Scheinwissen, ist zunächst von bestechender
Eleganz. Sie entzieht sich jeder metaphysischen Naivität, entlarvt
ontologische Tiefenversprechen als rhetorische Effekte und verweist
Sprache, Denken und Welt in einen gemeinsamen semantischen Zirkel. Doch
genau in dieser Eleganz liegt ihre Blindstelle: Sie verwechselt die
Unvermeidlichkeit semantischer Vermittlung mit der Beliebigkeit
gesellschaftlicher Wirklichkeit.
Denn auch wenn jede Welt nur als semantisch strukturierte Welt erfahrbar
ist, sind nicht alle Semantiken gleich verteilt, gleich wirksam oder
gleich folgenlos. Spätestens an der Schwelle gesellschaftlicher
Produktions-, Herrschafts- und Gewaltverhältnisse kollabiert der
semantische Totalvorbehalt.
I. Semantik ist universal – Macht nicht
Es ist unstrittig: Begriffe sind Platzhalter, Verdichtungen, ökonomische
Abkürzungen für Eigenschaftsbündel. Doch Gesellschaften unterscheiden
sich nicht primär durch ihre Begriffe, sondern durch die
institutionalisierte Kopplung von Semantik und Zwang.
Der entscheidende Unterschied zwischen sozialistischen und
kapitalistisch-imperialistischen Gesellschaftsstrukturen liegt nicht auf
der Ebene der Beschreibung, sondern auf der Ebene der systematischen
Verbindlichkeit:
Kapitalistisch-imperialistische Gesellschaften organisieren Produktion
über Privateigentum an Produktionsmitteln,
koppeln Lebensmöglichkeiten an Marktverwertbarkeit, externalisieren
Kosten (ökologisch, sozial, geopolitisch),
stabilisieren ihre Ordnung durch strukturelle Abhängigkeit und globale
Asymmetrien.
Sozialistische Gesellschaftsmodelle (historisch variabel, theoretisch
idealtypisch) zielen auf kollektive Verfügung über Produktionsmittel,
entkoppeln Grundbedürfnisse partiell vom Markt, machen gesellschaftliche
Reproduktion explizit zum politischen Gegenstand,
ersetzen Konkurrenz als primären Koordinationsmechanismus durch Planung,
Aushandlung oder Solidarität.
Diese Unterschiede sind nicht semantisch austauschbar, weil sie
unterschiedliche Lebenswahrscheinlichkeiten erzeugen.
Wer dies nivelliert, betreibt keine Erkenntniskritik, sondern soziale
Abstraktion.
II. Glasperlenspiel als Klassenprivileg
Das Glasperlenspiel – verstanden als selbstreferenzielles Spiel von
Zeichen, Bedeutungen und Relationen –
ist kein anthropologisches Universal, sondern historisch und sozial
situiert. Es setzt Voraussetzungen voraus:
Zeit jenseits unmittelbarer Reproduktionszwänge
Bildungskapital
materielle Absicherung
relative Unabhängigkeit von existenziellen Risiken
Kurz: Glasperlenspiel ist eine Praxis derer, die sich Distanz leisten
können.
In kapitalistisch-imperialistischen Gesellschaften ist diese Distanz
klassenförmig verteilt. Für große Teile der Weltbevölkerung ist Semantik
kein Spiel, sondern Verwaltung von Mangel, Rechtfertigung von Ausbeutung
oder Legitimationssprache von Gewalt. Wer hier behauptet, alles sei
gleichermaßen Scheinwissen, spricht aus einer Position struktureller
Schonung.
III. Weltlinien, Kipppunkte und materielle Trägheit
Der Einwand, auch sozialistische und kapitalistische Begriffe seien nur
semantische Konstruktionen, verkennt einen zentralen Punkt:
Semantiken koppeln sich an materielle Trägheit.
Produktionsverhältnisse, Eigentumsformen, militärische Macht, globale
Lieferketten und Arbeitsregime wirken als epistemische Attraktoren. Sie
stabilisieren bestimmte Weltlinien und schließen andere systematisch
aus. Ein Kind, das in einer imperialen Peripherie geboren wird, hat
nicht bloß eine andere Beschreibung der Welt, sondern eine statistisch
andere Zukunft.
Diese Differenzen sind messbar, historisch rekonstruierbar und politisch
wirksam.
Sie sind keine Tiefe im metaphysischen Sinne – aber sie sind
strukturierte Oberflächen mit Gewaltpotenzial.
IV. Der performative Widerspruch des Total-Skeptizismus
Der radikale Satz „Es gibt kein tieferes Wissen“ beansprucht selbst eine
epistemische Sonderstellung.
Er will nicht bloß ein weiteres Spiel sein, sondern das Spiel als
solches entlarven.
Damit erhebt er genau jenen Anspruch, den er negiert.
Ein materialistisch informierter Ansatz ist hier nüchterner:
Es gibt kein letztes Wissen – aber es gibt besser oder schlechter
begründete Analysen gesellschaftlicher Wirklichkeit,
gemessen an ihren Erklärungs-, Prognose- und Interventionsleistungen.
Sozialistische Theorie entstand nicht aus semantischem Übermut, sondern
aus der Analyse realer Ausbeutungsverhältnisse.
Kapitalistische Ideologie wiederum ist nicht bloß Sprache, sondern
funktionale Semantik zur Stabilisierung bestehender Machtverhältnisse.
Schluss: Gegen das leere Spiel
Das Glasperlenspiel endet dort, wo Menschen hungern, arbeiten, migrieren
oder sterben –
und beginnt dort, wo diese Prozesse ästhetisiert oder neutralisiert
werden. Eine Theorie,
die sich darauf beschränkt, jede Unterscheidung als Schein zu entlarven,
entzieht sich nicht
der Ideologie, sondern ihrer Verantwortung.
Die Alternative ist kein Rückfall in metaphysische Tiefe, sondern die
Anerkennung einer einfachen, unbequemen Differenz:
Gesellschaften sind semantisch konstruiert –
aber ihre Konstruktionen sind nicht gleichgültig,
nicht gleich verteilt
und nicht folgenlos.
Wer das übersieht, spielt – und lässt spielen.
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wobei mir noch einfällt:
Jedes Spiel benötigt Regeln,
also eine regelbasiertes Spielfeld
und in diesem Punkt sind wir beide vermutlch
ziemlich dicht beieinander in der Einschätzung
der Motivationslage der spielenden Attraktoren:)
Vielleicht lässt sich unser Dissens so bündeln:
Jedes Spiel – auch das Glasperlenspiel – benötigt Regeln, ein Spielfeld
und Sanktionen bei Regelbruch.
Genau hier wird Semantik asymmetrisch:
Nicht alle Spielenden definieren die Regeln, nicht alle tragen die
Kosten, und nicht alle können das Spiel verlassen.
In diesem Sinn sind Produktionsverhältnisse keine „tieferen Wahrheiten“,
aber sie sind *regelsetzende Instanzen*, die entscheiden,
/wer/ spielt, /wie lange/, /unter welchen Einsätzen/
– und für wen das Spiel jederzeit abbrechen kann.
Wenn wir uns darin einig sind, dass Attraktoren motiviert sind,
dann vielleicht auch darin,
dass manche Attraktoren Regeln schreiben,
während andere nur Figuren bewegen dürfen.
gruss aus der Diaspora
ingo mack