Hi JH!
„Die Welt ist alles, was der Fall ist“ … „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man
schweigen.“
„Alles das, was viele heute schwafeln, habe ich in meinem Buch festgelegt, indem ich
darüber schweige.“
Soweit Wittgenstein. Dir fallen folgende Sätze ein:
„Zurück auf den Boden der Tatsachen“
„Was ich nicht verdauen kann, esse ich nicht.“
„Was man nicht verdauen kann, soll man nicht essen.“
„Wer etwas hört oder sieht, das er nicht nachvollziehen kann, dem sollen die Haare zu
Berge stehen.“
„Wer nur schwafeln kann, soll aufhören zu schwafeln!“
Wittgenstein ist nicht wieder auf den Boden der Tatsachen zurück gekehrt, sondern hat sich
dem Zeigen und den Sprachspielen zugewandt. In den PU schreibt er unter § 107: „Je genauer
wir die tatsächliche Sprache betrachten, desto stärker wird der Widerstreit zwischen ihr
und unsrer Forderung. (Die Kristallreinheit der Logik hatte sich mir ja nicht ergeben;
son‐ dern sie war eine Forderung.) Der Widerstreit wird unerträglich; die Forderung droht
nun, zu etwas Leerem zu werden. – Wir sind aufs Glatteis geraten, wo die Reibung fehlt,
also die Bedingungen in gewissem Sinne ideal sind, aber wir eben deshalb auch nicht gehen
können. Wir wollen gehen; dann brauchen wir die Reibung. Zurück auf den rauhen Boden!“
Vom logischen Glatteis zurück in die Rauheit der Sprache? Von der idealen zurück zur
realen Sprache? Fabian Goppelsröder beschreibt in „Zwischen Sagen und Zeigen
Wittgensteins Weg von der literarischen zur dichtenden Philosophie“ und interpretiert
schon den TLP als literarisches Werk. Wittgenstein war angetreten die Russellsche
Antinomie ohne Typenlogik zu lösen. Was der Symbolismus zeigt, kann nicht gesagt werden
und so sind Sagen und Zeigen nicht zu vermitteln. TLP 4.463: „Die Tautologie lässt der
Wirklichkeit den ganzen – unendlichen – logischen Raum; die Kontradiktion erfüllt den
ganzen logischen Raum und lässt der Wirklichkeit keinen Punkt. Keine von beiden kann
daher die Wirklichkeit irgendwie bestimmen.“
Im Wittgenstein-Seminar könnte auch „Über Gewißheit“ geschrieben werden. Darin ist bspw.
unter 4. zu lesen: „'Ich weiß, daß ich ein Mensch bin.’ Um zu sehen, wie unklar der
Sinn des Satzes ist, betrachte seine Negation. Am ehesten noch könnte man ihn so
auffassen: 'Ich weiß, daß ich die menschlichen Organe habe.' (Z. B. ein Gehirn,
welches doch noch niemand gesehen hat.) Aber wie ist es mit einem Satze wie 'Ich weiß,
daß ich ein Gehirn habe'? Kann ich ihn bezweifeln? Zum Zweifeln fehlen mir die
Gründe! Es spricht alles dafür, und nichts dagegen. Dennoch läßt sich vorstellen, daß
bei einer Operation mein Schädel sich als leer erwiese.“ Eine nicht humorlose
Vorstellung.
IT
Am 31.03.2025 um 05:56 schrieb Joseph Hipp über
PhilWeb <philweb(a)lists.philo.at>at>:
Am 31.03.25 um 02:00 schrieb Karl Janssen über PhilWeb:
in Bezug auf einige Sätze des IT:
Sollte meine Selbstgewissheit hier als Arroganz,
Besserwisserei oder Rechthaberei gesehen werden, kann man dem so begegnen, wie Du es eben
vorgenommen hast: Hilfreiches Korrektiv und somit jederzeit willkommen.
Dann wäre daraus zu lernen, anders aufzutreten, und nicht, ein "theoretisches"
Korrektiv anzunehmen. Es könnte auch wie eine bittere Medizin angesehen werden. Wie wäre
es mit einem "zurück auf den Boden der Tatsachen", das ein Handwerker so nennen
würde. Mir hilft die von IT so genannte metaphorische Sprache vielleicht immer nur
vorläufig. Wozu ist dazu der ständige Ohrwurmsatz des Wittgenstein überhaupt erforderlich.
Als Universalargument? "Was ich nicht verdauen kann, esse ich nicht." Wenn er
das so sagt, warum sollte ich das ständig wiederholen und wiederholt bekommen? Als Moral
umgemünzt: "Was man nicht verdauen kann, soll man nicht essen." Kausal gesehen
ist ein Vorgang beschrieben, eine Kausalmasche wird dabei gedacht: Ich aß mal was, das ich
nicht verdauen konnte, also änderte sich etwas bei mir. Das geschieht auch Mäusen. Sie
lernen schnell, wenn ein Mittelchen zum Essen zugefügt wird, und das die besagte Sache
bewirkt. Und sie lernen nicht, wenn ihnen das versuchsweise mit Elektroschocks beigebracht
wird. Zurück zum Bedenken der Kausalmasche. Nun ist eine andere Person entstanden, nachdem
sie das Unverdauliche kennen lernte. Und nun laufen alle anderen daher, und sagen den
bekannten Sollsatz. Bei mir stehen die Haare dann zu Berge, ich würde gerne schreiben:
"Entschuldigt mich alle." Ich könnte auch schreiben: Wer etwas hört oder sieht,
das er nicht nachvollziehen kann, dem sollen die Haare zu Berge stehen. Genug des
Geschwafels? Oder: "Wer nur schwafeln kann, soll aufhören zu schwafeln!"? Auch
im "Dekalog" gibt es Sätze, die auf ähnliche Weise ein Verhalten korrigieren
wollen.
Dann schrieb KJ nach dem Satz des
IT: "Bei Dir scheint es mir metaphorisch und phantastisch nahezu beliebig
durcheinander zu gehen im literarischen Philosophieren. Und wenn es an Nachvollziehbarkeit
mangelt, versteigst Du Dich darauf, dass es womöglich an mangelndem Talent oder Vermögen
liege, Dir nicht folgen zu können."
KJ: Wer behauptet denn sowas, es sei denn, ein Lesender meiner Beiträge empfindet das
so.
Ich, wer denn sonst. Genau das habe ich anders gefragt. Ich hätte es auch anders fragen
können, und das habe ich auch schon mal gefragt: Ein Priester sagte, real (also eine
Person, die lebte), das Gewissen sei die Antenne zu Gott. Auf meine Frage, die ich KJ
schon stellte, in vielen Sätzen, ist immer noch unbeantwortet: Ist derjenige zu bedauern,
dem diese Antenne fehlt? Es geht ja nicht um den Gewissenlosen, der wenigstens ins
Gefängnis kommt, aber eine gewisse Analogie ist erkennbar. An einem realen Ort, bei dem
ein guter Geist von oben zu den Anwesenden herab kommenden sollte, war eine Person, die
sich traute, zu sagen, dass der Geist nicht zu ihm kam. Der Arme. Der
"conferencier" war nicht böse, sagte, dass er eben noch nicht genügend
mitgemacht hatte.
An einer anderen Stelle schrieb KJ auf "Sprache und Wissen usw.":
"Lediglich deren Grenzen aufzeigen, ist mein Ansinnen". An anderer Stelle muss
ich mir eine Leiter vorstellen, die er hochklettert. Könnte es sein, dass er eine nicht
angelehnte Leiter hochsteigt, herunterfällt, sogar mitsamt der Leiter und seiner
versuchten Transzendenz? Darf ich ihm nicht Wittgensteins Leiersatz umgeformt vorhalten:
"Wo man nicht höher kommt, bleibt man stehen." Dann sage ich doch lieber als
Mann von der Straße den bekannten Satz: "Schuster bleib bei deinem Leisten."
Kann derjenige, der nicht höher kommt, andere belehren, wie sie das erkennen können, was
erst ganz oben, außerhalb der Leiter sichtbar ist? Kann er ihnen sagen, dass dort, wo er
nicht hin kam, etwas zu sehen ist? Es ist ja nicht so wie beim Beispiel der von einem
Exhibitionisten belästigten Person, die die Polizei rief, der Polizist aber nichts sah,
worauf hin die Frau antwortete, er müsse auf den Stuhl steigen, um den Beweis zu bekommen.