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Am 02.11.2025 um 11:31 schrieb Rat Frag über PhilWeb
<philweb(a)lists.philo.at>at>:
Guten Tag,
wieder eine kurze, summarische Antwort. Ich bitte um Nachsicht, wenn
ich auf Redundanzen verzichte.
Am Do., 30. Okt. 2025 um 13:45 Uhr schrieb Ingo Tessmann über PhilWeb
<philweb(a)lists.philo.at>at>:
Metaphysische Scheinprobleme sind grundsätzlich
nicht lösbar.
Woraus folgt, dass es sich um metaphysisches Scheinproblem handelt?
Der Zweckrationalität gegenüber steht die
Improvisation;
Das halte ich für eine vollkommen willkürliche Behauptung.
Mit Zweckrationalismus ist hier nicht zweckmäßiges Vorgehen im
Einzelfall gemeint, die Legitimität dessen steht wohl kaum im Zweifel,
sondern die Position, dass Rationalität sich auf eine
Zweck-Mittel-Verhältnismäßigkeit beschränkt und über Zwecke nichts
aussagt.
Diese Auffassung liegen wesentliche Teile der Handlungstheorie, wie
die Spieltheorie, zu Grunde. Daher ist es wert, diese Frage zu
stellen.
Kann den Link nicht öffnen.
ggf. konntest Du den Web-Link inzwischen öffnen, falls nicht habe ich geöffnet, um hier
zumindest einen Anhalt bezüglich der im benannten Essay erörterten Handlungstheorie zu
vermitteln: (Da es sich bei dem Text um „Opensource“ handelt, erlaube ich mir, daraus zu
zitieren):
…“Der »Sinn des Handelns ist die vorher entworfene Handlung« (Schütz 2004: 157). Am
Entwurfcharakter menschlichen Handelns ist unbedingt festzuhalten, weil es ansonsten kein
Kriterium gäbe, zwischen sinnhaftem Handeln und bloßem Verhalten zu unterscheiden (vgl.
Schütz 2004: 157). Ob aber an der engen Bestimmung des Entwurfs als ein dem Handeln
vorausgehender Handlungsplan und an der einseitigen funktionalen Differenzierung zwischen
Handlung und Handeln festgehalten werden kann, ist hingegen fraglich. Die
Voraussetzungen, auf denen das hier skizzierte Handlungsmodell beruht, wurzeln einerseits
im christlichen Schöpfungsmythos, andererseits in den aufklärerischen Attitüden des 18.
und 19. Jahrhunderts, insbesondere in der Idee des autonomen Subjekts, das
selbstbestimmt und vernunftgemäß denken und Welt gestaltend wirken kann. In diese
Subjektauffassung sind mehrere Dualismen eingewoben: Die Trennung von Ich und Welt, Idee
und Wirklichkeit, Geist und Körper. Dazwischen tritt vermittelnd ein die Willenskraft: Sie
bringt das Ich zur Welt, die Idee zur Verwirklichung und den Körper unter Kontrolle (und
in Bewegung). Die zeitliche Trennung von Handlung, Entschluss und Handeln ist eine
logische Konsequenz dieser Denktradition. In dieses kantisch-cartesianische
Koordinatensystem setzte Max Weber den Typus des rational denkenden Menschen ein, dessen
Handeln »an die Kategorien ›Zweck‹ und ›Mittel‹ (gebunden)« ist (Weber 1973: 149). Diesem
von der Nationalökonomie inspirierten Credo schlossen sich im Anschluss an Weber auch
Schütz und Parsons an. Das Schema der Rationalität ließ die nutzen- und/oder
vernunftorientierten Aspekte menschlichen Handelns in den Vordergrund treten.
Das in diesem Sinne Nicht- bzw. Irrationale – das Gefühls- und Gewohnheitsmäßige, das
Unbewusste, Spontane, Improvisatorische, Spielerische und Kreative – rückte dadurch in den
Hintergrund (was auch Vilfredo Pareto mit seiner Kategorie des nicht-logischen Handelns
nicht ändern konnte). Die Erfolgsgeschichte des zweckrationalen homo oeconomicus und des
normenkonformen homo sociologicus reicht bis in die Soziologie der Gegenwart. So
unbestreitbar die Nützlichkeit dieser Modelle ist, so unbestreitbar ist aber auch, dass
sie die nichtrationalen Aspekte des Handelns bestenfalls als Abweichung vom Rationalen,
»als defiziente Modi des rationalen Handelns« (Joas 1996: 63) erfassen können. Hinzu
kommt, dass rationalitätszentrierte Handlungstheorien kaum in der Lage sind, menschliches
Handeln als Prozess zu verstehen. Schließlich kann der Prozess des Handelns nur im
Ausnahmefall die 1:1-Verwirklichung eines vorfabrizierten Entwurfs sein. In der Regel
geht unserem Handeln, das sich ohnehin nur analytisch in einzelne Handlungsatome
zergliedern lässt, kein sorgfältig in aller Ruhe durchdachter Handlungsplan voraus. Oft
sind es nur vage Vorhaben, mit denen wir durchs Leben schreiten bzw. stolpern. Mitunter
vergessen wir unterwegs, was wir uns vorgenommen hatten, manchmal entwickeln wir Ziele und
Pläne spontan aus der Situation heraus und nicht selten überraschen wir uns selbst mit
unserem Tun. Schon diese ganz alltäglichen Erfahrungen passen nicht in das Schema von
Handlungstheorien, in denen das Handeln im Rahmen der Vorgaben der Handlung zu verbleiben
hat. Die ›Erst-Denken-dann-Handeln‹-Theorie sagt wenig über die soziale Praxis, aber
viel über die Entstehungssituation der Theorie aus: die Studierzimmeratmosphäre des
einsam brütenden (vorzugsweise deutschen) Denkers, der fernab vom Weltlichen Masterpläne
für die Menschheit schafft. „
IT schrieb bezüglich phil. Hamdlungstheorie:
„Weil die
philosophische Handlungstheorie in wesentlichen Teilen zur Metaphysik, genauer zur
Subdisziplin der Ontologie gehört,“ … halte ich nichts von dem Text. Ich favorisiere
zunächst die analytische Handlungstheorie, die unterdessen in der kulturalistischen
Handlungstheorie aufgegangen ist.
Ratfrag war offenbar erstaunt, von Ingo auf o.a. Text hingewiesen worden zu sein, von dem
er selbst nichts hält.
Du emphilst mir die Lektüre eines Textes, von dem du
selbst nichts hälst?
Ausdrücklich: Meinen Respekt davor!
Essays , sonstige Texte aller Art entstammen noch überwiegend (modulo KI-Texten) den
unterschiedlichsten Denkmodellen von Menschen und sind insoweit subjektiv angelegt (so es
sich dabei nicht um objektive Informationen oder Fakten handelt), als sie zumeist nicht
frei von persönlichen Empfindungen, resp. Gefühlen, Vorurteilen, Meinungen und
dementsprechenden Interpretationen sind; Dennoch aber bedient man sich ihrer in mehr oder
weniger kritischen Würdigung, zumeist aber eben in gewisser Affinität zur jeweils
persönlichen Sicht auf Gott und Welt.
In Bezug auf o. zitierten Text wird unmittelbar ersichtlich, warum Ingo (it) nichts von
ihm hält, da die Vorstellung einer Handlung als voraussetzungsbedingter Grundbegriff in
der Philosophie des Geistes die aktiv mentale Interaktion zwischen Geist und Lebenswelt
beschreibt. Für einen lupenreinen Positivisten beschränkt sich das geistige Potential des
Menschen jedoch ausschließlich auf faktisch objektiv erkennbare, resp. messbare Leistungen
des Gehirns, in diesem Zusammenhang also nur allgemeingültig verifiziertes Wissen. Diese
wissenschaftstheoretische Grundposition bietet selbstredend keinen Spielraum für jegliche
Art von Metaphysik und schränkt somit den mentalen Wissensraum auf gesicherte i.W.
naturwissenschaftliche Erkenntnisse ein.
Tatsächlich ist es m.E. erforderlich, die benannten Bereiche insoweit getrennt zu halten,
als sie es von ihrer Grundposition gesehen ohnehin sind. Bezogen auf Metaphysik, insbes.
Religion kann es per se kein faktisches Wissen z.B. von einem Gott geben, sehr wohl jedoch
über biblische Erzählungen oder von mitgeteilten Gotteserfahrungen.
Über Gott, kosmische Intelligenzen o.ä. wollten wir hier sowieso nicht mehr reden, ebenso
jede Art von kosmischer Ordnung, resp. Feinabstimmung ignorieren und allenfalls einem
evolutionär gerichtetem Zufall zuschreiben.
Wenn hier dennoch immer wieder metaphysische Aspekte in die Diskussionen einfließen, sind
sie als Teil philosophischer Betrachtung durchaus einer legitimen Thematisierung
zugänglich zu halten. Der diesbezüglich abwertende Habitus aus ausschließlich
positivistischen Gesichtspunkten zeugt von Intoleranz, wie sie üblicherweise bei
atheistischer Grundhaltung zu erwarten, resp. zu erfahren ist.
Kurz gesagt, gibt es aus guten Gründen eine klare Trennung der geistes- und
naturwissenschaftlichen Disziplinen. Dennoch eine Brücke über beide Wissensbereiche zu
bauen, würde dazu führen, eine jeweils wesentlich erweiterte Perspektive auf „Gott und
Welt“ zu haben. Das setzt jedoch voraus, sich von obsoleten Religionsvorstellungen, wie
auch von strikt positivistischen Denkmodellen zu lösen.
Die Protagonisten dieses Forums - jeder auf seine Präferenz bezogen - werden noch an
dieser Befähigung arbeiten müssen. Auf einer Brücke aufeinander zugehen, kann eine
erstaunliche Lebenserfahrung sein.
KJ
PS: Bezüglich der Handlungstheorie, insbesondere der Handlungsgründe wäre der
psychologische Aspekt der Bedürfnisbefriedigung (Dopaminausschüttung) relevant, überhaupt
die Triebgebundenheit des Menschen.