Moin Karl,
Du schränkst Goethes Mahnung zur Förderung der Wissenschaft durch die Beschränkung auf
Wissenswertes und Wissbares unnötig ein. Natürlich ist Goethes Bemerkung anmaßend, zumal
wenn er daran gedacht haben mag, Newtons Farbenlehre für nicht wissenswert zu halten und
das, was Farben ausmacht für nicht wissbar. Ähnlich wie Physiker und Maler sich ergänzen,
ergänzen sich auch Newton und Goethe. Ich erinnere an eine alte Mail von mir:
Goethes Farbenlehre wirkt in der Allgemeinen Morphologie bis heute nach und seine
Farbenlehre konnte als komplementär zu der Newtons experimentell bestätigt werden. Olaf L.
Müller hat die erstaunliche Symmetrie auf den Punkt gebrach: ”Es gibt eine systematische
Symmetrie zwischen Licht und Finsternis. Soll heißen, zu jeder optischen Errungenschaft
Newtons existiert ein Gegenstück, in dem die Rollen von Licht und Finsternis, von
Helligkeit und Dunkelheit, von Weiß und Schwarz exakt vertauscht sind. Das gilt für
Newtons Experimente genauso wie für seine Theorie, seine Beweise, seine Definitionen.“
Newton ging es ums objektivierende Messen und Experimentieren, Goethe ums subjektivierende
Empfinden und Fühlen. Newton bediente sich mathematischer und Goethe morphologischer
Prinzipien, wie bspw. dem der Polaritäten, demgemäß das Farbspektrum neben der IR- auch
eine UV-Grenze haben müsse, die J. W. Ritter dann ja entdeckte. Goethe verband als Dichter
und Wissenschaftler Fühlen und Denken und hielt die Farbenlehre Newtons als Teil seiner
Optik nicht für hinreichend, um auch dem Fühlen zu genügen. Dem kommen die Maler näher,
wobei von van Gogh die Bemerkung überliefert ist: „Ich fühle, was ich male und male, was
ich fühle.“ Seine 1889 in der Nervenheilanstalt Saint-Paul-de-Mausole gemalte Sternennacht
verlegt ja seine aufgewühlte Stimmung der Welle-Teilchen-Polarität folgend in die
kosmische Weite.
In der Wissenschaft geht es um das Wissbare. D.h. natürlich nicht, dass die Wissenschaft
bereits alles weiß. Es ist methodisch gemeint und ihr Wissensdrang reicht ins Unendliche.
Aber was fühlbar ist, entzieht sich der Wissenschaft und es wäre sinnlos, es zu ihrem
Gegenstand zu machen. Dafür haben die Menschen ja ihr Erleben und die Künste. Und
Wissenswertes sollte die Wissenschaft nicht dem Boulevardjournalismus entnehmen, der
zunehmend alle Medien flutet.
Insofern Goethe sein Fühlen bedachte, war er Phänomenologe und insofern er seinen
Prinzipien folgte Metaphysiker — auch in der Wissenschaft, wie seine Ur-Theorie in der
Morphologie zeigt, in der er schreibt von Totalität, Polarität, Harmonie, Ur-Phänomen.
Ur-theoretisch treffen sich Goethe und von Weizsäcker. Wenn die Worte nicht nur hohle
Phrasen bleiben sollen, sind sie methodisch zu entwickeln, so wie Görnitz es ja
mathematisch im Anschluss an Einstein, Bohr, Heisenberg und von Weizsäcker vorgeführt hat
mit seiner Protyposis. Görnitzens „Von der Quantenphysik zum Bewusstsein“ scheint mir
dabei 2016 an „Die Selbstorganisation des Universums“ des Erich Jantsch von 1979
anzuknüpfen. Begriffsgymnastisch geschwafelte Metaphysik halte ich für überflüssig,
prinzipiengeleitet mathematisch formulierte für sinnvoll.
IT
Am 17.03.2025 um 00:57 schrieb Karl Janssen über
PhilWeb <philweb(a)lists.philo.at>at>:
eine Bemerkung Goethes: „Die Wissenschaft wird
dadurch sehr zurückgehalten, dass man sich abgibt mit dem was nicht wissenswert, und mit
dem was nicht wissbar ist.“ Könnten sich nicht auch Philosophierende an das halten, was
wissenswert und wissbar ist? Und alles andere für sich behalten?
Wer glaubt, über alle wissbare Erkenntnis von Leben, Welt und Kosmos zu verfügen, kann
selbstredend jedes weitere Hinterfragen, vornehmlich auch dieses Forum einstellen. Es gibt
dann auch kein Staunen mehr, denn wie könnte man über etwas erstaunt sein, das man schon
kennt, dessen man sich abschließend bewusst ist.
Ingo (it) tut hier so, als wären die Grundfragen der Philosophie bereits geklärt:
„Was kann ich wissen? - Was soll ich tun? - Was darf ich hoffen?“
Goethes Aussage ist sehr wohl berechtigt, wenn es darum geht, nicht Wissenswertes
unbeachtet zu lassen. Das Problem dabei ist, dass kaum objektivierbar festzulegen ist, was
in dieser Lebenswelt wissenswert ist, denn wer kann sich anmaßen, solche Feststellungen
allgemeingültig, resp. letztgültig vorzunehmen.
Goethe hat eine Farbenlehre entworfen, die zu seiner Zeit durchaus als maßgeblich gelten
konnte, allerdings dem heutigen Erkenntnisstand nicht mehr gerecht wird, somit historisch
zwar als beachtliche subjektive Leistung zu werten ist, aus heutiger
naturwissenschaftlicher Sicht eben ihre Gültigkeit verloren hat; Dabei ging Goethe mit
Sicherheit davon aus, dass seine Farbenlehre den wissbaren Fakten zu diesem Themenbereich
entspricht. Mit der Zeit als entropisches Phänomen gehen nicht nur Dinge zu Ende, sondern
es entsteht Neues und damit neues Wissen, resp das Erfordernis, immer wieder Wissen neu zu
erwerben.
Letztlich objektiviertes Wissen von Leben, Welt und Kosmos kann immer erst dann
vorliegen, wenn die mannigfaltigen Prozesse der Erforschung eines Sachverhaltes
durchlaufen sind und einer entsprechenden Falsifizierung standhalten.
Was nun die Philosophie als wissenschaftliche Disziplin anbelangt, wird man kaum
festlegen können, wo die Grenzen des Wissenswerten zu setzen sind, schlichtweg deshalb
nicht, weil es in diesem Wissensbereich per se keine Abgrenzung wie in den
Naturwissenschaften geben kann. Doch auch für letztere wäre es fatal anzunehmen, in diesem
Fachbereich über alles möglich Wissbare zu verfügen.
So kann Goethes Ratschlag nur auf den einzelnen Menschen, ggf. auf Gruppierungen
abzielen, sich nicht über deren subjektiven Erkenntnishorizont hinausgehend mit Dingen zu
befassen, da ihr subjektives Welterleben nicht die unterschiedlichen Ebenen der
ganzheitlichen Lebenswirklichkeit zu erfassen vermag.
Einzig der intersubjektiv forschende Zugang zu den vielfältigen wissenschaftlichen
Themenbereichen ermöglicht wirklichen Fortschritt in der Erkenntnis von „Gott und Welt“.
Aberwitzig anzunehmen, diese Menschheit würde über alles diesbezügliche Wissen verfügen
und könne daher Forschung, somit auch ihre Königsdisziplin, die Philosophie aufgeben.
Das gilt natürlich auch für die Metaphysik als Teildisziplin der Philosophie! Lächerlich,
in einem Forum wie philweb, die Berechtigung derselben infrage zu stellen.