Antwort zunächst an Arnold:
Lieber Arnold,
Deine Resonanz (um mit Ingo M. zu sprechen, dem ich auch für seine letzte -E-Mail herzlich
danke) trifft und belebt genau das Potenzial, um das es mir geht, herzlichen Dank dafür!
Unerwarteterweise machst Du in Deiner Antwort zugleich eine zentrale Erfordernis klar,
nämlich die, für ein tieferes Verständnis des Naturgeschehens das Konzept der Potenz (Du
schreibst sogar ausdrücklich, der Potenz im Aristotelischen Sinn) einzuführen. Im Versuch,
ein Natur- und Geisteswissenschaften überbrückendes Modell von fokussierter Dynamik zu
entwickeln, haben meine Mitstreiter und ich vor Jahren hierzu für unsere
englischsprachigen Veröffentlichungen auf das potentia / dynamis-Analog „provider of
dynamic coherence“ zurückgegriffen.
Dieser Rückgriff wiederum stützte sich auf die Forschungsergebnisse des Altphilologen
Arbogast Schmitt, der später mit uns publizierte. Sein Buch „Denken und Sein bei Platon
und Descartes“ hatte mich begeistert, wobei ich es anders ausgelegt und genutzt habe, als
dem Autor bewusst war – aber hat meiner Akzentsetzung in der Folge uneingeschränkt
zugestimmt.
Ein Potenzial hat, wie Du zu Recht anmerkst, keinen fixen Ort und keine fixe Zeit. Es ist
nicht als Gegenstand dingfest zu machen. Es „öffnet“ sich, wobei die Öffnung keine im
fixen Raum ist, sondern stattdessen die Raumzeit gleich mit generiert.
Das Zusammengehen von Potenzialen ist dann keine Addition von festen Brocken, sondern eine
Topologie von über Resonanz vergemeinschaftetem Sich-Öffnen als Zeitraum-Entfaltung. Diese
zusammenströmend sich entfaltende gemeinsame Verwirklichung erfasst in Resonanz geratende
topologische „Aspekte“ der sich entfaltenden Potenzial-Verwirklichungen, sie fußt auf
diesen.
Die Topologie (dieser von Dir genutzte Begriff ist präziser als der der „Geometrie“) des
pulsierenden, Zeitraum-Volumina schaffenden Sich-Öffnens und Schließens ist nach unserem
Entwurf im derzeitigen Stand eine jeweils alleine qua „Geometrie“ (jetzt doch…) ein Innen
im Außen schaffende Potenzial-/ Quellen-zentrierte, also „sphärische“. Hierbei ist nicht
nur die Unterscheidung Innen versus Außen „naturgegeben“, sondern auch deren beibehaltene
bzw. fortgeführte Gleichzeitigkeit im Sinn der Resonanz.
Somit sind die Entfaltungsdynamiken immer in einem Zusammengehen im Gleichzeitigen bzw. in
einer gemeinsamen Erstellung von Gleichzeitigkeit gegründet. Wir bezeichnen die gedanklich
vereinzelten Prozesse, die „einem“ Potenzial entspringen als Prozess-Fragmente. Erst im
Zusammengehen entfaltet sich der Zeitraum und mit ihm die (jeweilige) Wirklichkeit.
Und, wie Du weiter richtig schreibst: Die Entfaltung ist eine Entstehung, und daher mehr
und anders als ein einfaches Fort- und Weiterlaufen. Ein Werden hat „seine“ Zeit, und
diese Eigenzeit ist eine Zeitraum-Blüte mit Beginn, Dauer und Ende. Diese Form der Zeit
hat somit eine organische Gestalt, sie ist eine aufblühende und wieder zurücksinkende
zeitweilige Fülle, kein Faden, keine Linie, keine durchgängige, monolineare Dimension.
Ihr Innen wird, wie Du schreibst durch ein Sich-aufeinander-Beziehen, sprich durch
Korrelationen erstellt. Der sich öffnende Zeitraum ist ein Gemeinschaftsraum, er besteht
aus Aspekt-gestützter Interaktion von Prozessfragmenten.
Die Korrelationen „kreisen um ein gemeinsames Thema“, könnte man in einem der sphärischen
Geometrie angemessenen Bebilderung sagen. Wir geben dem Kreisen der Prozessfragmente, wenn
es sich um zwei handelt die Gestalt einer sich aufweitenden Doppelhelix, wobei zusätzliche
Fragmente dadurch eingebunden werden, dass die Doppelhelix mit dem weiteren
Prozessfragment ein weiteres Kreisen bildet.
So viel speziell zu Deiner Antwort auf die Schnelle – Du hast das angedachte Modell in
Deinen Worten so beschrieben, wie es treffender nicht sein könnte – daher nochmal
herzlichen Dank dafür.
Thomas
PS: zum „Wir“: das ist aktuell, wie, glaube ich berichtet, eine sowohl in westlicher als
auch chinesischer Philosophie und Denktradition bewanderte Philosophin – wir sind in
kontinuierlichen Austausch.
Am 01.03.2026 um 17:31 schrieb Arnold Schiller über
PhilWeb <philweb(a)lists.philo.at>at>:
Am 01.03.26 um 12:30 schrieb "Dr. Dr. Thomas Fröhlich":
Lieber Ingo T. lieber Arnold,
eine naive Frage: die „Position“ z. B. eines Atoms wird ja an einer fixen Referenz
gemessen - dasselbe gilt für den Wechsel der Position als Bewegung: er erfolgt in einem
festen räumlichen Rahmen, nun hinzugenommen die Zeit.
Oh, oh eine naive Frage, mein
Indeed bezog sich auf
Das Molekül im Grundzustand ist weder flach noch chiral. Es ist eine Überlagerung, eine
"Potenz" im aristotelischen Sinne. Der Ort der Atome ist unbestimmt, aber nicht
im Sinne von "verschmiert im Raum", sondern so, dass die Frage nach einem Ort
noch gar nicht sinnvoll gestellt werden kann. Es hat noch keine raumzeitliche
Bestimmtheit.
Die erste Messung zwingt es dann in eine konkrete Chiralität. Das Entscheidende ist: Das
ist nicht einfach das "Finden" eines vorher schon irgendwo vorhandenen Zustands.
Es ist ein Hervorbringen von Wirklichkeit aus dieser Potenz. Man könnte sagen: Die Messung
öffnet ein erstes "Jetzt-Fenster", in dem das Molekül für eine Weile eine
bestimmte raumzeitliche Gestalt annimmt.
Die zweite Messung findet 7 fs später statt – und das Molekül ist immer noch in derselben
Chiralität. Das ist der Punkt, der zum Nachdenken zwingt: Es gibt eine Dauer, in der diese
einmal hervorgebrachte Bestimmtheit stabil bleibt. Das ist nicht trivial. Es heißt: Das
"Jetzt" hat eine Ausdehnung. Es ist nicht der punktförmige Schnitt zwischen
Vergangenheit und Zukunft, sondern ein kleines Zeit-Raum-Quantum, in dem die einmal
"entfaltete" Gestalt erhalten bleibt.
Was aber, wenn die künstliche Trennung in zwei Einheiten, den Raum, die Zeit zu Gunsten
eines genuin einheitlich agierenden Zeitraums aufgehoben wird? Dieser Zeitraum müsste, da
er ja von vornherein Zeit beinhaltet in sich dynamisch und in der Dynamik dennoch bleibend
sein, etwa als Pulsieren in gleichbleibender Frequenz.
Mir sind die Minkowski-Modelle etc. oberflächlich vertraut, aber meine Frage zielt
vermutlich nicht in eine Richtung, die durch dieses Modell beantwortbar wäre - was sagen
die Physiker und weiteren Denkakrobaten unter uns zu meiner naiven Frage?
Und gleich noch eine daran anschließende Frage: welche „Geometrie“ hätte ein solcher
Zeitraum? Dabei würde ich Zeit nicht als verräumlichte Dimension akzeptieren. Stattdessen
müsste es eine beständig sich wiederholende Entfaltung in einen aaufgeschlossenen und sich
dann wieder schließenden Zeitraum hinein sein - spekulativ, falsch, unsinnig?
Deine
Frage zielt nun genau auf dieses Quantum: Du nennst es "Zeitraum". Eine Einheit,
die nicht aus Raum plus Zeit zusammengesetzt ist, sondern beides zugleich ist – dynamisch
(weil sie sich öffnet und schließt) und dennoch bleibend (weil sie in diesem Öffnen eine
innere Konsistenz hat). Und dann fragst du nach der Geometrie eines solchen Zeitraums.
Die Antwort kann keine sein, die auf Koordinaten und Abstände zurückgreift, denn die
setzen ja schon die Trennung von Raum und Zeit voraus. Die Geometrie des Zeitraums müsste
eine topologische sein: Sie wäre die Regel, wie in diesem geöffneten Jetzt die
Korrelationen zwischen den Atomen entstehen. Im Fall der Ameisensäure wäre das die
Anti-Korrelation der Wasserstoffatome (Figur 2c). Sie ist nicht im Raum, sondern sie
erzeugt für dieses Jetzt die Raumverhältnisse. Die "Form" des Zeitraums wäre
also nicht die Form von etwas im Raum, sondern die Form des Hervorbringens von
Räumlichkeit überhaupt – als ein einheitlicher, dynamischer Akt, der sich in jedem Puls
wiederholt, aber immer als derselbe.
Das ist keine Spekulation ins Blaue. Es ist der Versuch, das, was die Quantenmechanik als
"Messproblem" und "Kollaps der Wellenfunktion" nur technisch
beschreibt, ontologisch ernst zu nehmen: dass Wirklichkeit nicht ist, sondern geschieht –
in abgeschlossenen, dynamischen Einheiten, die du "Zeiträume" nennst.
Ob das "falsch" ist, lässt sich nicht sagen. Aber "unsinnig" ist es
gewiss nicht. Es ist eine konsequente Antwort auf die Frage, was man denken muss, damit
die Befunde der Quantenphysik nicht länger paradox erscheinen.
Danke jedenfalls für den Hinweis auf den
interessanten Artikel, ich bin gespannt auf Eure Antwort,
viele Grüße,
Thomas
Am 01.03.2026 um 07:27 schrieb Arnold Schiller
über PhilWeb <philweb(a)lists.philo.at> <mailto:philweb@lists.philo.at>:
Indeed - Danke!
--
https://arnold-schiller.de/
Am 20.02.26 um 14:41 schrieb Ingo Tessmann über PhilWeb:
Verblüffend: „Ein Atomkern hat keinen exakten
Ort, sondern nur eine Aufenthaltswahrscheinlichkeit. Er ist gewissermaßen „überall ein
bisschen“. Dadurch ist ein Ameisensäure-Molekül in fast jedem Moment faktisch
dreidimensional. Durch diesen winzigen Schritt in die dritte Dimension verliert das
Molekül seine Symmetrie, und es lässt sich nicht mehr mit seinem Spiegelbild in Deckung
bringen, ähnlich wie das mit unserer linken und rechten Hand ist. Die Ameisensäure ist
chiral – sie besitzt in der Hälfte der Zeit eine linkshändige und in der anderen Hälfte
eine rechtshändige Form.“
https://arxiv.org/pdf/2503.13318 <https://arxiv.org/pdf/2503.13318>
<https://arxiv.org/pdf/2503.13318>
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