Lieber Karl, liebe Alle,
„Erkenntnis bezüglich der Dinge hinter den Dingen,“… Wir alle wissen, dass die
Lagebezeichnungen „hinter, unter, über, jenseits“ nur Metaphern sind, die etwas aus der
Welt der Räumlichkeit in die Welt des Sinns zu übertragen versuchen. Diese Metaphern
postulieren eine (metaphorisch räumliche, faktisch sinngemäße) Absonderung dessen, was
„hinter, unter, über, jenseits“ der „Dinge“ sei. Die säkulare Version dessen ist der
Idealismus, der dem Geist („mind“), den Naturgesetzen, der Mathematik etc. ein eigenes,
von der Physis losgelöstes Sein und Dasein zuspricht. Im Gegensatz dazu sagt die
christliche Trinitätsfigur etwas anderes: Verbundene Abfolge und verbundene
Gleichzeitigkeit sind zusammen mit dem verbindenden Zwischen eins. Das verbindende
Zwischen ist nicht in Form eines auch vereinzelt zu denkenden Etwas, etwa einer Person
oder eines Dings zu denken. Es ist dem Wesen nach unabgetrennt, nicht verdichtet und
konkretisiert, sondern strömend. Es gleicht nicht einer Person, sondern der Liebe, der
Idee, der Begeisterung, auch dem verbindenden oder bergenden Gefühl.
Man kann dieses Verbindende in Lagemetaphern als „hinter, unter, über, jenseits“ schwebend
darstellen, oder man kann es mit Meister Eckhart als Scintilla „in“ dem Jeweiligen glimmen
und leuchten sehen.
Es ist ein selbst nicht greifbares, Zusammenhangs-stiftendes Vermögen.
Es bezieht sich auf das Vermögen der Etwasse, sich ansprechen zu lassen und über das
Angesprochen-Werden in einen Austausch / eine mögliche Verbindung / ein mögliches
Gemseinsam-Sein mit einem anderen Ansprechbaren zu treten.
Die anzusprechenden „Ohren“ (Vier-Ohren-Modell von Schultz von Thun) oder zu sehenden, in
Sicht zu nehmenden Gesichter alias Aspekte sind nun zweierlei: zum einen allem Einzelnen
eigene Aspekte, (Allgemeinheit des Einzelnen) und zum anderen Aspekte der jeweiligen –
besonderen, jeweiligen, auf andere, nämlich dynamische, zusammenführende Art jeweiligen
und damit einzelnen Interaktion. Die erstgenannten Aspekte werden aus Sicht des Denkens in
allgemeinen Begriffen und des Messens in allgemeinen Maßstäben angesprochen. Für die
letztgenannten, individuierenden Aspekte bedarf es der Einfühlung, des Mitschwingens, des
auf den anderen Zugehens, und der sich bei Verstehen einstellenden Resonanz nach Ingo
Mack.
Für das unspezifisch-allgemein dem Außen zugewandt Sein ist das davon unterscheidende
Jeweilig-Sein als Innensein, als in einer Beziehung von Teilen zueinander Sein kein Thema.
Das die Individualität aufhebende Allgemeinsein ist wiederum dem Jeweilig-Sein kein Thema.
Die übergreifende Perspektive anerkennt zugleich die aspekthafte Jeweiligkeit und die
aspekthafte Allgemeinheit, und das, was das Verbinden zu beiden Aspekten, den sondernden
und den verallgemeinernden ausmacht. Womit wir wieder beim Gesamtbild der Trinität wären…
Viele Grüße in die Runde,
Thomas
Am 20.01.2026 um 03:37 schrieb Karl Janssen über
PhilWeb <philweb(a)lists.philo.at>at>:
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Am 19.01.2026 um 14:14 schrieb Ingo Tessmann über
PhilWeb <philweb(a)lists.philo.at>at>:
Am 19.01.2026 um 03:09 schrieb Karl Janssen über
PhilWeb <philweb(a)lists.philo.at <mailto:philweb@lists.philo.at>>:
Denken verhilft zu Wissen, nachdenken zu tieferem Wissen.
Moin Karl, IM hatte geschrieben: „was ich will das ist nicht viel / will nur ein tief’res
Wissen.“ In Gedichten wird bekanntlich die Metaphorik gefeiert. Zu Wissen verhilft nur
begründendes Denken und wenn „nachdenken zu tieferem Wissen“ verhelfen soll, hilft
vordenken wohl zu höherem Wissen? Begründungen können nicht hoch oder tief sein, aber lang
oder kurz, nachvollziehbar oder unsinnig. Bleiben sie der Umgangssprache verhaftet,
beziehen sie sich lediglich auf die Lebenswelt. Aufs Weltall hinaus reicht die Mathematik.
Insofern bleibt lebensweltliches Wissen hinsichtlich des Weltalls nur Scheinwissen.
IT
Was willst Du mir damit sagen, Ingo? Etwa, dass Mathematik das Mass aller Dinge sei,
selbst in das Weltall reichend? Die Natur - und damit selbstredend auch diese Erde als
habitable Lebenswelt - bietet uns Menschen eine Existenz als Lebewesen, die sich als
denkende, fühlende Entitäten zu erkennen vermögen: „Cogito, ergo sum“ als Ausdruck
rudimentärer Selbstwahrnehmung, die von ihrer essenziellen Ausprägung her jene aller
anderen Lebewesen dieser Erde übersteigt. „Meta ta physika“, dieses Vermögen, das Wissen
um die pure körperliche Existenz über die Grenzen der erkennbaren, messbaren, abzählbaren
Lebenswelt hinaus zu erweitern, zeichnet einzig uns Menschen aus.
Moderne Astrophysik bietet einen bislang unvorstellbaren Ausblick in die Struktur dieses
Universums und lässt alle in früheren Epochen erworbene Kenntnis, vor allem aber jegliche
metaphysische Spekulation über Gott und Götter hinter sich, wird somit zu gesichertem
Wissen, quasi als ein neues, wesentlich erweitertes „Cogito, ergo sum“ als tragendes
Fundament moderner, rationaler Erkenntnistheorie. Darauf bezogen ist dieses Wissen
definitiv kein „Scheinwissen“ und was die Metaphysik anbelangt, gilt weiterhin
uneingeschränkt, dass es kein Wissen - somit auch kein Scheinwissen - über die
transzendentale Ebene des DASEINS in dieser Lebenszone geben kann.
Bezogen auf alle möglichen Gottesvorstellungen, insbesondere deren skurrile Ausprägungen
in diversen Religionen, kann man mit aller Berechtigung von Scheinwissen sprechen. Es ist
ein vorgeblich behauptetes Wissen, als solches unbeweisbar, wie eben auch ein Gott nicht
rational beweisbar ist, sondern allenfalls nur gedacht, sehr sicher aber erspürt, resp.
gefühlt und somit geglaubt werden kann: „God is a Feeling“ oder wie Waldemar es
formulierte, ein Gefühl von Allgeborgenheit.
Das untrügliche Gefühl von Geborgenheit, zufolge einer universal existierenden
Intelligenz, an der Menschen partizipieren können, wenn sie damit in Resonanz zu treten
vermögen und damit das Potential ausschöpfen können, aus sich selbst heraus, somit
selbstreferent produktiv, also schöpferisch qua resonanter Inspiration tätig zu werden.
Christen sollen sich als Kinder eines Schöpfergottes erkennen und dessen Aufforderung zur
schöpferischen Gestaltung des Lebensraums Erde in die Tat umsetzen. Wo hier nun von
Scheinwissen die Rede war, kann man gleichermaßen von Schein-Christen sprechen, deren
Moral eben Scheinmoral ist.
„Macht euch die Erde untertan“, dieses göttliche Angebot an die Menschen dieser Erde zu
deren schöpferischen Ausgestaltung (potentia ad actum) wurde und wird zu Teilen in
grandioser Art und Weise, andernteils jedoch sträflichst missgeleitet umgesetzt.
Was nützt also das grossartige Wissen um Mathematik (als die „Programm-Sprache“ der
Natur), wenn es im Sumpf des Alltags- und Scheinwissens versinkt?
Höheres vs. tieferes, d.h. tiefergehendes Wissen. Was anderes als beständiges
(Hinter-)Fragen, resp. Nachdenken über die Phänomene dieser Lebenswelt führt zu
diesbezüglich tiefergehendem Wissen?
„Tieferes Wissen“ erwerben, mit diesem Anspruch konnte nur der Wunsch nach Erkenntnis
bezüglich der Dinge hinter den Dingen, also Wissen hinsichtlich besagtem „Meta ta physica“
gemeint sein. Für die Positivisten dieser Welt stellt sich diese Frage selbstredend nicht,
bzw. kann sie sich nicht stellen, weil sie nicht darüber nachdenken.
KJ
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