Am 06.11.2025 um 01:13 schrieb Karl Janssen über
PhilWeb <philweb(a)lists.philo.at>at>:
Nun, in Bezug auf die naturwissenschaftliche Weltsicht sehe keinen gravierenden Dissens
zwischen uns, grundsätzlich anders verhält es sich mit unser beiden Sicht auf Metaphysik.
Du hältst nichts davon, obgleich Du Dich damit - wie ebenso mit Mystik - beschäftigst.
Letztere ist einem sehr speziellen Erfahrungsbereich zuzuordnen, der sicher auch von
fragwürdigen Denkmustern und Praktiken durchsetzt ist. Grundsätzlich jedoch hat Mystik
sich aus dem Bedürfnis von Menschen entwickelt, gefühlsmäßig in Einklang mit einem
geglaubten Gott zu kommen.
Moin Karl,
im Mai 2020 hatte ich auf Ernst Tugenthat verwiesen, der von der Sprachanalyse über die
Anthropologie zur Mystik gelangte. In seinem Buch Egozentrizität und Mystik schreibt er:
"Alle Mystik hat zu ihrem Motiv, von der Sorge um sich loszukommen oder diese Sorge
zu dämpfen. Mystik besteht darin, die eigene Egozentrizität zu transzendieren oder zu
relativieren, eine Egozentrizität, die andere Tiere, die nicht „ich" sagen, nicht
haben.“ Die Transzendenz muss nichts mit einem Gott zu tun haben. Sie kann ebenso in
Poesie, Mathematik oder Natur münden.
Zu den Naturmystikern gehörte schon Thales, später dann Spinoza und die Pantheisten. Die
Pythagoreer waren Zahlenmystiker und aufgeklärte Poeten wie Peter Rühmkorf Naturmystiker:
„Aufgabe der Dichtkunst: die Zufallsquanten ihrer Beliebigkeit zu entreißen und sie in
Beziehung treten lassen. Der Gedankensprung, der als Sprung in der Form immer mitbewahrt
bleibt. Still in seiner Ecke sitzen und zu tun haben wie die Natur. Fühlen wie eins ins
andre sich wandelt, Sonnenlicht in Stärke, Stärke in Zucker, Zucker zu Brandtwein, Sprit
zu Licht.“ Auch der Rausch kann erleuchten …
I'T