Am 16.04.2023 um 13:23 schrieb Rat Frag über PhilWeb
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Meine Überlegung geht von der Frage aus,
wieso sich sowas wie
"Emotion" im Laufe der Evolution überhaupt entwickelt hat.
Meines Erachtens ist die Frage größtenteils noch ungeklärt. Wobei es
aus der tiefenpsychologischen Ecke einige interessante Spekulationen
gibt.
Und Nietzsche schrieb einmal, unsere Emotionen seien viel klarer als
andere Gedanken.
Unbenommen diesbezüglich tiefenpsychologischer Forschung und zahlreicher Thesen zum
Phänomen der Emotion, vornehmlich wohl jene von Izard und Plutschik, würde ich Emotion als
basale motorische Erregung sehen, die in erster Linie eine Überlebensfunktion hat und
damit ein entscheidender Faktor in der evolutionären Ontogenese ist.
Angstgefühl, Schreck, Unmut, Abscheu u. dergl. sind unverzichtbare Elemente der
Motivationssysteme von Lebewesen. Angst etwa als überlebenswichtiges Motiv zur
Fluchtergreifung bei erkannten Gefahren oder - mehr auf Lebenspraxis bezogen – als äußerst
hilfreiche Gefühlsregung zu rationaler Entscheidungsfindung, ob Auseinandersetzung resp.
Kampf oder eben Ausweichen zur Lösung eines gegebenen Problems führen kann. Dabei spielt
selbstredend das Angstlevel eine entscheidende Rolle, da es unmittelbar auf das
Aktivationsniveau insbes. das motivationale Erregungsniveau einwirkt, und sich damit das
Sprichwort bestätigt: Angst lähmt! Andererseits kann das Ansteigen des Erregungsniveaus
die Leistungsfähigkeit zu einem sinnvollen Maß anheben, also etwa im Extremfall für
(Wett)Kampf oder Flucht.
Eine weitere sehr sinnvolle evolutionäre Entwicklung emotionsgesteuerter
Motivationssysteme bei Mensch und Tier ist – auf ersteren bezogen – in der frühkindlichen
emotionalen Entwicklung zu beobachten, die jedoch sehr unterschiedlich ausfallen kann.
Kleinkinder reagieren sehr subtil auf Signale und wissen solche auch auszusenden, um
Aufmerksamkeit zu wecken, etwa um auf einen misslichen Zustand hinzuweisen. Unbenommen der
offenbar noch ungeklärten Frage, ob das Lächeln eines neugeborenen Kindes bereits einen
emotionalen Bezug hat, bewirkt es eine Signalwirkung durch deren intentionales Erfassen in
der Regel eine positive Stimmungslage zwischen Kind und betreuender Person, also zumeist
die Mutter (Gebärende laut ARD-Framing), auslöst wird.
Durch diese emotionale Bindung werden essentiell bedeutsame Entwicklungsprozesse
angestoßen und in Gang gehalten, die den Gesamtprozess der psychischen Regulierung der
ganzkörperlichen Konstitution bewirken, also allgemeine Gesundheit und die damit in
Verbindung stehende homöostatische, motorische, wahrnehmungsbezogene und kognitive
Entwicklung des Kindes bis zu dessen späteren Einbindung in soziale Systeme. Praktisch
gesehen: Handelt es sich um ein lebensfrohes, aufgeschlossenes, freundliches oder eher ein
scheues, ängstliches und introvertiertes Kind.
Was nun die verschiedenen Theorien zur Entstehung von Emotionen anbelangt, ergibt sich
bislang kein einheitliches Bild. Caroll Izard etwa geht davon aus, Emotionen seien
angeboren und werden durch körperliche, vornehmlich mimische Reaktionen zum Ausdruck
gebracht. Wenn man sich dieser Sichtweise anschließt, könnte eine phylogenetische
Systematik bei der evolutionären Entwicklung von Emotion angenommen werden, wobei deren
individuelle Ausprägung stark vom sozialen und generell kulturellen Umfeld und von der
kognitiven Entwicklung abhängt.
Das motivationale Erregungsniveau verändert sich in der Regel über die jeweilige
Lebensspanne. Mit zunehmendem Alter zeigen sich i.A. weniger negative Emotionen z.B.
Jähzorn, Eifersucht, kindliche Angst usf.; die emotionale Intensität verstärkt sich
zumeist in der Adoleszenz, sich in pathogener Form jedoch etwa als Depression oder
Angstneurose ausprägen kann.
Die Frage also, warum sich überhaupt Emotionen evolutionär entwickelt und sich
phylogenetisch etabliert haben, würde ich durchaus als beantwortet betrachten. Im Sinne
der Evolutionstheorie (Variation und Selektion) haben sich die primären Formen von Emotion
auf der Grundlage physiologischer Mechanismen überlebensstrategisch entwickelt, um die
essentiellen Anforderungen zur Anpassung an die Lebenswelt (Nahrung, Fortpflanzung,
Behausung, Schutz vor Witterung und natürlichen Feinden, genereller Überlebenskampf usf.)
zu bewältigen.
Dabei kann man Emotion als motivationales System deuten, das auf bestimmte Reize i.A.
unbewusste Mechanismen auslöst und sich als dementsprechende Reaktion zumeist auch mimisch
ausdrückt. Man geht davon aus, dass Emotionen als komplexe Ketten von Reaktionen mit
stabilisierenden Rückführungsschleifen (Homöostase) bei allen Organismen vorkommen.
Und somit hätte Nietzsche recht mit der zitierten Aussage, „Emotionen seien viel klarer
als andere Gedanken“, denn bei Gefühlserregung setzt so gut wie immer das Denken aus.
Bester Gruß an Dich und in die Runde! - Karl