Am 01.03.26 um 12:30 schrieb "Dr. Dr. Thomas Fröhlich":
Lieber Ingo T. lieber Arnold,
eine naive Frage: die „Position“ z. B. eines Atoms wird ja an einer fixen Referenz
gemessen - dasselbe gilt für den Wechsel der Position als Bewegung: er erfolgt in einem
festen räumlichen Rahmen, nun hinzugenommen die Zeit.
Oh, oh eine naive Frage, mein
Indeed bezog sich auf
1.
*Das Molekül im Grundzustand*ist weder flach noch chiral. Es ist
eine Überlagerung, eine "Potenz" im aristotelischen Sinne. Der Ort
der Atome ist unbestimmt, aber nicht im Sinne von "verschmiert im
Raum", sondern so, dass die Frage nach einem Ort noch gar nicht
sinnvoll gestellt werden kann. Es hat /noch keine/raumzeitliche
Bestimmtheit.
2.
*Die erste Messung*zwingt es dann in eine konkrete Chiralität. Das
Entscheidende ist: Das ist nicht einfach das "Finden" eines vorher
schon irgendwo vorhandenen Zustands. Es ist ein Hervorbringen von
Wirklichkeit aus dieser Potenz. Man könnte sagen: Die Messung öffnet
ein erstes "Jetzt-Fenster", in dem das Molekül für eine Weile eine
bestimmte raumzeitliche Gestalt annimmt.
3.
*Die zweite Messung*findet 7 fs später statt – und das Molekül ist
/immer noch/in derselben Chiralität. Das ist der Punkt, der zum
Nachdenken zwingt: Es gibt eine Dauer, in der diese einmal
hervorgebrachte Bestimmtheit stabil bleibt. Das ist nicht trivial.
Es heißt: Das "Jetzt" hat eine Ausdehnung. Es ist nicht der
punktförmige Schnitt zwischen Vergangenheit und Zukunft, sondern ein
kleines Zeit-Raum-Quantum, in dem die einmal "entfaltete" Gestalt
erhalten bleibt.
Was aber, wenn die künstliche Trennung in zwei Einheiten, den Raum, die Zeit zu Gunsten
eines genuin einheitlich agierenden Zeitraums aufgehoben wird? Dieser Zeitraum müsste, da
er ja von vornherein Zeit beinhaltet in sich dynamisch und in der Dynamik dennoch bleibend
sein, etwa als Pulsieren in gleichbleibender Frequenz.
Mir sind die Minkowski-Modelle etc. oberflächlich vertraut, aber meine Frage zielt
vermutlich nicht in eine Richtung, die durch dieses Modell beantwortbar wäre - was sagen
die Physiker und weiteren Denkakrobaten unter uns zu meiner naiven Frage?
Und gleich noch eine daran anschließende Frage: welche „Geometrie“ hätte ein solcher
Zeitraum? Dabei würde ich Zeit nicht als verräumlichte Dimension akzeptieren. Stattdessen
müsste es eine beständig sich wiederholende Entfaltung in einen aaufgeschlossenen und sich
dann wieder schließenden Zeitraum hinein sein - spekulativ, falsch, unsinnig?
Deine Frage zielt nun genau auf dieses Quantum: Du nennst es
*"Zeitraum"*. Eine Einheit, die nicht aus Raum /plus/Zeit
zusammengesetzt ist, sondern beides /zugleich/ist – dynamisch (weil sie
sich öffnet und schließt) und dennoch bleibend (weil sie in diesem
Öffnen eine innere Konsistenz hat). Und dann fragst du nach der
*Geometrie*eines solchen Zeitraums.
Die Antwort kann keine sein, die auf Koordinaten und Abstände
zurückgreift, denn die setzen ja schon die Trennung von Raum und Zeit
voraus. Die Geometrie des Zeitraums müsste eine *topologische*sein: Sie
wäre die Regel, /wie/in diesem geöffneten Jetzt die Korrelationen
zwischen den Atomen entstehen. Im Fall der Ameisensäure wäre das die
*Anti-Korrelation*der Wasserstoffatome (Figur 2c). Sie ist nicht im
Raum, sondern sie /erzeugt/für dieses Jetzt die Raumverhältnisse. Die
"Form" des Zeitraums wäre also nicht die Form von etwas im Raum, sondern
die Form des Hervorbringens von Räumlichkeit überhaupt – als ein
einheitlicher, dynamischer Akt, der sich in jedem Puls wiederholt, aber
immer als derselbe.
Das ist keine Spekulation ins Blaue. Es ist der Versuch, das, was die
Quantenmechanik als "Messproblem" und "Kollaps der Wellenfunktion" nur
technisch beschreibt, ontologisch ernst zu nehmen: dass Wirklichkeit
nicht /ist/, sondern /geschieht/– in abgeschlossenen, dynamischen
Einheiten, die du "Zeiträume" nennst.
Ob das "falsch" ist, lässt sich nicht sagen. Aber "unsinnig" ist es
gewiss nicht. Es ist eine konsequente Antwort auf die Frage, was man
denken muss, damit die Befunde der Quantenphysik nicht länger paradox
erscheinen.
Danke jedenfalls für den Hinweis auf den interessanten
Artikel, ich bin gespannt auf Eure Antwort,
viele Grüße,
Thomas
Am 01.03.2026 um 07:27 schrieb Arnold Schiller
über PhilWeb<philweb(a)lists.philo.at>at>:
Indeed - Danke!
--
https://arnold-schiller.de/
Am 20.02.26 um 14:41 schrieb Ingo Tessmann über PhilWeb:
Verblüffend: „Ein Atomkern hat keinen exakten
Ort, sondern nur eine Aufenthaltswahrscheinlichkeit. Er ist gewissermaßen „überall ein
bisschen“. Dadurch ist ein Ameisensäure-Molekül in fast jedem Moment faktisch
dreidimensional. Durch diesen winzigen Schritt in die dritte Dimension verliert das
Molekül seine Symmetrie, und es lässt sich nicht mehr mit seinem Spiegelbild in Deckung
bringen, ähnlich wie das mit unserer linken und rechten Hand ist. Die Ameisensäure ist
chiral – sie besitzt in der Hälfte der Zeit eine linkshändige und in der anderen Hälfte
eine rechtshändige Form.“
https://arxiv.org/pdf/2503.13318 <https://arxiv.org/pdf/2503.13318>
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