Am 30.08.2026 um 14:00 schrieb Rat Frag über PhilWeb
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… die Untersuchung, ob unsere alltäglichen Auffassungen und/oder die Erkenntnisse der
Wissenscahft irgendwelche metaphysischen Implikationen haben und, falls ja, welche.
Man kann das Ganze natürlich auch "soziologisch" untersuchen. Dann landet man
bei der Frage, welche Rolle bestimmte metaphysische Überzeugungen für die Gesellschaft
spielen. Beispielsweise hätten die Ägypter ihre Pyrammiden wohl nicht gebaut, wenn sie
nicht an eine bestimmte Seelenlehre und Theologie geglaubt hätten.
Beim Schmökern in der Reihe Literaturstudium über Novalis ist mir einmal mehr der
Zusammenhang der Universalpoesie mit der Autopoiesis aufgefallen. Auch gemäß KI sind die
romantische Naturphilosophie und Maturanas Autopoiesis zwei historische Antworten auf
dieselbe Umkehrung des mechanistischen Weltbildes: Nicht das fertige Ding, sondern die
sich selbst hervorbringende Organisation ist fundamental. Und der Frosch ist dabei als
Untersuchungsgegenstand eine Art roter Faden – von Galvani über Novalis und Schelling bis
zu Maturana.
Vergleichen wir Novalis, ca. 1800: Reiz —> Erregbarkeit —> Wechselwirkung —>
Organisation
und: Maturana, ca. 1960: Reiz —> Nervensystem —> eigene neuronale Operationen —>
Wahrnehmungswelt
Der entscheidende gemeinsame Gedanke lautet: Der Reiz bestimmt nicht unmittelbar die
Reaktion. Was geschieht, hängt von der Organisation desjenigen ab, der gereizt wird. Das
ist bei Novalis noch spekulative Naturphilosophie und bei Maturana experimentelle
Neurobiologie.
Maturana: Was muss ein System sein, damit es sich selbst erhält? Autopoiesis beschreibt
die Organisation des Lebendigen: Produktion von Komponenten —> Erhaltung des
Produktionsnetzes — > Produktion neuer Komponenten. Der entscheidende Begriff ist also
organisationale Geschlossenheit. Maturana will gerade nicht primär die konkreten
Differentialgleichungen angeben, die das System realisieren.
Und weil Maturana nur qualitativ beschreibt, favorisiere ich natürlich Hakens
mathematische Synergetik: Wie kommt es dazu, dass ein System mit sehr vielen
Freiheitsgraden plötzlich wenige makroskopische Ordnungsparameter besitzt? Wenn ein
Kontrollparameter einen kritischen Wert überschreitet, können viele mikroskopische
Variablen durch wenige Ordnungsparameter beschrieben werden. Der berühmte Gedanke lautet:
Slaving principle: Die schnellen Freiheitsgrade werden von wenigen langsamen
Ordnungsparametern „versklavt“. Damit erhält man eine mathematisch formulierbare Theorie
des Übergangs Unordnung —> spontane Ordnung.
Der entscheidende Unterschied: Bei Maturana: Organisation —> Identität des Systems. Bei
Haken: Dynamik —> Entstehung von Ordnung. Autopoiesis fragt also eher: „Was macht ein
System zu einem selbstproduzierenden System?“ Synergetik fragt: „Wie entstehen kollektive
Ordnungsstrukturen aus der Wechselwirkung vieler Elemente?“ Das sind zwei verschiedene,
aber sehr gut miteinander kombinierbare Perspektiven. Wobei Haken genau das liefert, was
der romantischen Naturphilosophie fehlte: eine mathematische Dynamik der
Selbstorganisation. Und Haken bringt dabei einen Begriff ins Spiel, der für diese ganze
Geschichte geradezu zentral ist: Ordnung durch Instabilität. Ein System kann gerade durch
das Instabilwerden eines vorherigen Zustands eine neue, höher organisierte Struktur
gewinnen. Das erinnert unmittelbar an die romantische Vorstellung, dass Polarität nicht
bloß Gegensatz, sondern Produktivität bedeutet.
„Wie entstehen kollektive Ordnungsstrukturen aus der Wechselwirkung vieler Elemente?“ Bzw.
sozialdynamisch gewendet: Wie entsteht Gesellschaft aus der Interaktion vieler Menschen?
Gesellschaftlich dominieren Macht und Geld. Unter den Menschen variieren die vielen
Meinungen. Welche Meinungen politische Entscheidungen beeinflussen und in Gesetzestexte
eingehen, ist leicht vorhersehbar, wenn sie dem Machterhalt dienen und den Profit mehren.
Zudem spielen Ideologien eine Rolle. Das hatte gerade Jens Spahn erfahren müssen, der
unter Christen scheiterte, mit Liberalen aber keine Probleme bekommen hätte.
Um auf die Universalpoesie der Romantiker zurückzukommen: Noch heute gibt es mit der schon
von Novalis angedachten „Symphilosophie“ ein "International Journal of Philosophical
Romanticism“:
https://symphilosophie.com/
Insofern es beim philosophischen Zusammendenken der Disziplinen nicht nur ums
„Romantisieren“ geht, sagt mir eine Symphilosphie ebenfalls zu. So wie bspw. die
Synergetik als eine solche angesehen werden kann. Die Frühromantiker hatten sich noch als
Erweiterer der Aufklärung verstanden und nicht als Gegenbewegung. Und wie um 1800 herum in
Jena, Weimar und Berlin eine neue Philosophie begonnen wurde, erfolgte der nächste Schub
einer Erneuerung in Wien, Göttingen und Berlin um 1900 herum. Weitere 100 Jahre später
scheint es keinen erneuten Schub gegeben zu haben. Oder fällt jemandem einer ein?
IT