Am 26.05.2026 um 00:54 schrieb Karl Janssen über
PhilWeb <philweb(a)lists.philo.at>at>:
Nun gut, Du hast hier im Forum ja auch für das Aufführen von Pornofilmen im
Schulunterricht plädiert; selbes Thema - anderer Ort. Müssig eigentlich dieses Thema, wo
doch eigentlich das Postulat des Preußenkönigs Friedrich II. gelten sollte: „Jeder nach
seiner Façon“, solchermaßen königlicher Appell für Toleranz; Gesellschaftliches wie
individuelles Geltenlassen anderer Überzeugungen, Handlungsweisen auf Basis
unterschiedlicher Moralen, jedoch basierend auf eine diese begründende Ethik.
Servus Karl,
ich hatte nur die Ermöglichung der öffentlichen oder schulischen Aufführung von
Pornofilmen befürwortet, keine staatliche Verordnung gefordert. Unsinnige Verbote/Gebote
gilt es zu vermeiden, sinnvolle zu befürworten.
Unter diesem Aspekt könntest Du Dein Plädoyer für die
Abschaffung religiöser Feste nochmal überdenken.
Insofern geht es mir analog zu den staatlich verordneten Pornoverboten darum, die
staatliche Verordnung der Religionsfeste abzuschaffen, nicht um deren Verbot schlechthin.
Den privaten Feiern ihrer Feste gegenüber folge ich ebenso wie Du Friedrich II, den
Religionsgemeinschaften mit Toleranz zu begegnen. Staatlich verordnete Festtage sollten
neutral für alle gelten können, wie etwa der 1. Mai oder der 3. Oktober. Ein
Verfassungsfeiertag wäre auch erwägenswert — und statt der Christen-Feiertage eben die
vier ausgezeichneten Punkte auf der Umlaufbahn der Erde um die Sonne zur Feier der
Wintersonnenwende, des Frühlingsanfangs (und der Fruchtbarkeit), der Sommersonnenwende und
des Herbstanfangs (und Erntedanks).
Modulo beliebig missbräuchlicher Religionspraktiken
bleibt wirklichen Christen das Erlebnis von Gemeinschaft im Sinne eben dieses Christus,
was sich in diesbezüglichen Festen, insbesondere das Fest des Geistes zu Pfingsten
ausdrückt. Doch nicht nur an Festtagen gilt das Jesuswort: Denn wo zwei oder drei
versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen. In seinem Sinne, in seinem
Geiste also Gemeinschaft erleben. So möchte ich nochmal eine junge Muslima zitieren, wo es
hier auch um Kriegslüsternheit ging: Im Namen Gottes, resp. Allahs werden Kriege geführt
und Unheil angerichtet, was in dessen wirklicher Bewusstwerdung nie geschehen würde
(sinngemäß).
Ebenso wie gemeinsame Sportveranstaltungen sind Religionsveranstaltungen doch nicht
verboten. Gegen die habe ich nichts einzuwenden, sofern sie friedlich bleiben — wie bspw.
die Kirchentage. Und in ihren Gemäuern können sich die Gläubigen eh zusammentun. Mich
stört die staatlich institutionalisierte Christenheit hierzulande, nicht die bloße
Ausübung von Religion. Nebenbeibemerkt: Ist der Fussballsport nicht längst zur
Ersatzreligion geworden?
Verhärtete, entartete Ideale verkommen zur Ideologie,
welcher Art auch immer. Das gilt auch für entartete Religion, dort wo sie weder als ein
Regelwerk, noch als Rückbindung an eine intelligible Wesenheit verstanden und gelebt wird.
insoweit kann man Religionskritik üben, hingegen kaum von Menschen vorzubringen, denen das
geistige Element dieser Lebenswelt fremd geworden ist, resp. dieses nie erspürt haben.
Ich schmökere gerade in Habermasens Spätwerk: „Auch eine Geschichte der Philosophie“ und
in dem Roman „Schleifen“ von Hirschl. Habermas interpretiert die Philosophiegeschichte
anhand der Auseinandersetzung von Glauben und Wissen rotierend um die Jaspersche
Achsenzeit. Und Hirschl parodiert die Wortgläubigkeit der Menschen am Beispiel einer Frau,
der die bloße Erwähnung von Worten für Krankheiten schon die Krankheit beschert. Mit der
bloßen Erfindung von Worten ist nicht schon die Existenz von etwas Außersprachlichem
verbunden. Und der Vorwurf mangelnden Gespürs für Geistiges zeugt von elitärer Arroganz
dem minderbemittelten Volk gegenüber. So haben sich die überflüssigen Pfaffen seit
Jahrtausenden wichtig und die angeblich sündigen Gelüste des Fleisches verächtlich
gemacht. Das ist aber Machtpolitik und keine seriöse Philosophie — oder hast Du das
Problem, wie denn „Geistiges“ erspürbar sein soll, stillschweigend gelöst? Die
machtpolitische Abwertung der (inneren und äußeren) Natur gegenüber etwas erfundenem
„Geistigen“ ist seit Jahrtausenden wirksam und begann wohl schon mit der Erfindung
fiktiver Welten in Verbindung mit dem Beginn des Sprechenlernens vor 70000 Jahren.
IT