Hallo,
Am Mi., 31. Dez. 2025 um 08:08 Uhr schrieb Ingo Tessmann über PhilWeb
<philweb(a)lists.philo.at>at>:
Und die sogenannten antiken Hochkulturen waren dann
Krieger- und Sklavenhalter-Gesellschaften. Und worum wohl wurden seitdem zumeist (und
werden bis heute) Kriege geführt?
Ich würde ein Fragezeichen dahinter setzen, in wie weit z. B. die
Ägypter ein Sklavensystem hatten. Bei den Summerern, Arkadiern,
Babyloniern etc. weiß ich es schlicht nicht besser. Ich assoziiere mit
den frühen Hochkulturen eher eine Tempelwirtschaft als spätere
Sklaverei. Wobei ich nicht leugne, dass die damals Menschen
versklavten.
Du setzt offenbar voraus, was es zu belegen gilt.
Die Kritik lasse ich gerne gelten.
Der Punkt ist, sofern wir davon ausgehen, dass Menschen von
"primitiveren" Leben wie Primaten, Säugetiere usw. abstammt und wenn
wir zugeben, dass viele Verhaltensweisen, wie z. B. das Atmen,
vorprogrammiert sind, denn ist es keine Überraschung ähnliche
Verhaltensweisen beim Menschen wie bei einigen Tiere zu finden.
Zumindest solchen Tieren, die uns evolutionär nahestehen. Es gibt
zweifellos völlig fremdartige Kreaturen in der Tierwelt. Der Baum des
Lebens verzweigt sich seit über 100 Millionen Jahren, da ist damit zu
rechnen.
Menschen stammen nicht nur von den Schimpansen,
sondern auch von den Bonobos ab,
Diese Behauptung höre ich das erste Mal, da würde ich Belege fordern.
zudem hat sich ihr Erbgut weiter entwickelt. Ganz zu
schweigen von der Hirn- und Kulturentwicklung der Menschen.
Ich glaube nicht, dass z. B. die Kriegsführung genetisch codiert ist.
Das halte ich für sehr unplausibel. Solche relativ komplexen
Verhaltensweisen zu codieren wäre hinderlich.
Nehmen wir die Jagd: Ein Tier hat Hunger. Es fühlt den Schmerz, der
aus der Magengegend kommt. Es sucht nach Essen. Aber wie? Das
Muttertier lehrt wie es geht. Es ist also eine Verbindung zwischen
genetisch codierter Verhaltensweise (Hunger, "Spieltrieb" bei der
Katze) und der Jagd vorhanden. Diese Verbindung ist aber nicht derart,
dass es ein Jagd-Gen gibt. In Wahrheit ist es ein komplexes
Zusammenwirkung zwischen angeborenen Verstärkern, der Fähigkeit zu
lernen etc.
Im Falle der menschlichen Kriegsführung oder allgemein Gewalt sind die
Gründe kompliziert und müssen im Einzelfall beleuchtet werden.
Insbesondere da Massen betroffen sind und es sehr viel vorstellbar
ist, dass verschiedene Akteure mit unterschiedlichen Interessen einen
Krieg bevorzugen oder ablehnen. Klassisches Beispiel, das von
linksliberaler Seite bereits hinreichend ausgeschaltet wurde, ist die
Rüstungsindustrie.
Das Militär selbst? Ich bezweifle, dass die Mehrheit des Militärs sich
darauf freut, den regelmäßigen Empfang von Sold und andere Vorzüge
gegen die tödliche Front einzutauschen. Für den Soldaten ist das
Soldat-Sein wohl eher eine Art Glücksspiel: Wenn Frieden herrscht, hat
er ein gutes Leben durch seine Gemeinschaft. Sollte es zum Krieg
kommen, ist er unter den ersten Opfern...
Was natürlich für uns relevanter erscheint ist, die Motivlage der
Mächtigen, der letztendlichen Befehlshaber, da, so stellen wir uns
vor, die eigentliche Verantwortung bei ihnen ruht.
Rupert Riedl unterscheidet in seiner
Lernschichten-Hierarchie ratiomorph von rational. Und die "evolutionäre Spieltheorie“
ist rational, nicht aber die Tierpopulationen, deren Dynamik mit ihr simuliert wird. Du
vermengst System- und Verhaltensebene. Biologen drücken sich zumeist leider anthropomorph
aus, wenn sie über Tiere schreiben. D.h. aber nicht, dass Tiere wie Menschen handeln
können.
Wir sollten hier, denke ich, zunächst definieren: "Was ist rational?"
Ich würde sagen:
Rational nennen wir diejenige Vorgehensweise, die die
Eintrittswahrscheinlichkeit eines gegebene Sets an Zielen optimiert.
Wenn jemand z.B. 500 EUR möglichst gewinnbringend investieren will,
dann ist er schlecht beraten, lauter Lotterielose zu kaufen.
Betrachten wir den Fall der Evolution, dann sehen wir klar, dass die
Eintrittswahrscheinlichkeit eines Ziels, hier die Reproduktion eines
Moleküls, optimiert wird.
Beim Erreichen dieses Ziels optimiert die Evolution, indem immer
wieder verschiedene Strategien durchprobiert werden. Die bewusste,
planerische Intelligenz des Menschen ist nur bisher der erfolgreichste
Gedanke.
Der Punkt ist aber:
Sofern die selben abstrakten Gesetze gelten, kann man eine Analogie
herstellen, da sowohl menschliche Vorausplanung als auch das Verhalten
von Tierpopulationen Sonderfälle dieses Gesetztes sind. Es ist, ein
wenig vereinfacht und daher falsch dargestellt, als ob man die
optimale Vorgehensweise durch evolutionäre Algos sucht.
Falls es den Leser interessiert, es gab vor ein paar Jahren auf
Youtube interessante Videos, in denen solche Algos ein Autorennspiel
erlernten. Lustig anzuschauen, jedenfalls beim ersten Mal, und man
bekommt ein Gefühl dafür.
Am Mi., 31. Dez. 2025 um 10:01 Uhr schrieb Ingo Tessmann über PhilWeb
<philweb(a)lists.philo.at>at>:
Korrektur und Ergänzung: Paläontologisch können Biss-
von Waffenmalen an Knochen unterschieden werden … und in der Altsteinzeit existieren
Gewaltspuren, sollen aber selten und meist Einzelfunde sein, so dass sich keine eindeutig
massenhaft organisierte Kriegsführung nachweisen lässt. Dabei führte der Klimawandel schon
in der Übergangszeit zu Auseinandersetzungen: "New insights on interpersonal violence
in the Late Pleistocene based on the Nile valley cemetery of Jebel Sahaba“:
Die Bevölkerungsdichte dürfte geringer gewesen sein.
Aus der Jungsteinzeit datieren zahlreiche
Massengräber, die auf organisierte bewaffnete Konflikte schließen lassen: "Early
Massacres: Mass Violence in Neolithic Europe“:
Da gibt es sowieso einige interessante Punkte.